Das Dribbling

Dem Dribbling kommt im Blindenfussball eine besondere Bedeutung zu. Andere Arten, den Ball in Richtung des gegnerischen Tores zu befördern, wie z.B. Kopfballspiel oder hohe Flanken und Pässe, scheiden aus. Praktikabel sind die Abwürfe des Torwarts, flache oder gelupfte Pässe. Diese geringere Zahl der Möglichkeiten verleiht dem Dribbling höheres Gewicht.

Des weiteren bewegen sich Pässe und Abwürfe durch den freien Raum, müssen vom Spieler erstmal angenommen und unter Kontrolle gebracht werden. Das Dribbling hingegen beginnt mit der Ballkontrolle. Der Spieler ist „nur noch“ dafür verantwortlich, diese Kontrolle nicht wieder zu verlieren. Somit stellt das Dribbling wohl die einfachere Art dar, den Ball voranzutreiben.

 

In Deutschland wurde zunächst eine Form des Dribblings eingeführt, die sich grundlegend vom sehenden Fußball unterscheidet. Die Fußspitzen werden 30 bis 45 Grad nach außen gedreht. Mit federnden Knien trippelt der Spieler nun vorwärts. Der Ball wird zwischen den Füßen hin und her gespielt. Ballkontakt ist beinahe permanent vorhanden. Die Kugel wird nicht vorgelegt, entfernt sich niemals weit vom Fuß. Je höher die Schrittfrequenz, umso größer ist der Distanzgewinn.

Dies ist keine natürliche Laufbewegung. Das Bein ist für eine andere Bewegung ausgelegt, wenn sich der Mensch schnell bewegen will. Auf der anderen Seite mildert die langsamere Gangart das Verletzungsrisiko bei Zusammenstößen. Die Arme pendeln nicht so sehr wie beim natürlichen Lauf. So können die Hände leicht vor den Körper genommen werden. Sie bilden dort eine kleine Pufferzone, die beim Zusammenstoß noch eine gewisse Reaktion ermöglicht. Das Strecken der Arme ist zurecht nicht erlaubt.

 

Eine Weiterentwicklung dieser Ballführung könnte das Ballschleppen sein. Auch hier achtet der Aktive darauf, dass er den Ball niemals weit vom Fuß springen lässt. Allerdings führt er ihn nun statt mit beiden nur noch mit einem Fuß. Gewöhnlich kommt hierfür der stärkere Fuß zum Einsatz. Der Laufstil geht vom Trippeln über zu einem langsamen Trab. Der ballführende Fuß schiebt die Kugel voran. Sie sollte aber nicht weiter als 50 Zentimeter vorausrollen. Die ballführende Körperseite ist leicht zurückgenommen, die andere schirmt den Ball gegen den Gegner ab. Der auf der ballabgewandten Seite befindliche Arm kann wieder leicht vor den Körper genommen, nicht aber gestreckt werden. Die Gangart ist schneller. Jedoch hat der Fuß weniger Ballkontakt. Diese Art der Ballführung stellt höhere Ansprüche an den Aktiven.

 

Eine Abwandlung dieser Variante kann das Ballziehen darstellen. Hierbei bewegt sich der Ballführende mit dem Rücken voran in die Richtung, in die er möchte. Mit der Sohle zieht er den Ball mit. Der gesamte Körper bildet hierbei eine Barriere gegen den Verteidiger. Dieser muss quasi um den Ballführenden herumlaufen, um an die Kugel zu gelangen. Es handelt sich allerdings um eine relativ langsame und mühsame Form der Ballführung. Sie dient eher als situative Lösung denn als Grundform. In Tornähe des Gegners, auf engem Raum, kann sie erfolgreich eingesetzt werden.

 

Die Endform des Dribblings vereinigt einen optimierten Laufstil mit guter bis absoluter Ballkontrolle. Der Spieler trabt oder läuft in die gewünschte Richtung. Währenddessen stößt er den Ball vor sich her. Dieser soll sich hierbei auch nicht weiter als nötig vom Fuß entfernen. Im Optimalfall spricht man davon, dass die Kugel am Fuß „klebt“. Die wesentlich schnellere Gangart ist der Hauptvorteil dieser Dribbelvariante.

 

Den Ball mehrere Meter vorzulegen und hinterher zu sprinten, ist eine mögliche Abwandlung. Jedoch kann der blinde Spieler nicht sicher sein, ob er den Ball tatsächlich in einen freien Raum spielt. Gegner oder auch Mitspieler können sich dort aufhalten, die der Ballführende nicht wahrnimmt. Hier sind die Möglichkeiten des Ohres begrenzt. Es nimmt nur etwas wahr, wenn Laute erzeugt werden. Stumme Spieler sind nicht da. Ballverlust und Kollisionen drohen. Nur in Ausnahmesituationen mag diese Variante angezeigt sein.

 

Eine etwas elegantere Abwandlung besteht darin, den Ball mit der Sohle zurückzuziehen und aus der Bewegung heraus am Gegner vorbeizulupfen. Vorteil ist in diesem Fall, dass der fliegende Ball vom Verteidiger gar nicht wahrgenommen wird. Der Ballführende weiß, wo die Kugel aufsetzen wird und kann sich sofort bewegen. Der Verteidiger kann erst reagieren, wenn der Ball aufsetzt. Diesen Vorsprung von wenigen Sekunden nutzt der Ballführende, um am Gegner vorbei zu sein. Das Lupfen stellt allerdings eine höhere Form des sich-vorlegens dar und wird nur von wenigen optimal auszuführen sein. Ein fehlgehender Lupfer kann dem Verteidiger in die Füße spielen und ist kontraproduktiv.

 

Das Hüpfen mit dem Ball, der zwischen den Füßen eingeklemmt ist, ist eine absolute Kurzstreckenvariante. Ihre Gefahr besteht darin, den Ball zu verlieren. Dann fällt er dem Verteidiger vor die Füße. Vorteil sind die abrupten Richtungswechsel, die das Hüpfen ermöglicht. Zudem verlässt die Kugel nicht die Sphäre des Ballführenden.

 

Eine Sonderform des Blindenfußballs ist der Doppelpass mit Bande. Weil die Seitenlinien des Spielfeldes von Banden gebildet werden, kann der Ballführende die Kugel schräg gegen die Bande spielen, zum Feld hin am Gegner vorbeilaufen und das Leder hinter ihm wieder in Empfang nehmen. Diese Variante besteht hauptsächlich aus Elementen des Passspiels, wird aber hier genannt, weil nur ein Spieler derselben Mannschaft daran beteiligt ist. Die Kugel darf weder zu flach noch zu steil gegen die Bande gespielt werden. Spielt der Ballführende zu steil gegen die Seite, prallt der Ball zum Verteidiger. Spielt er zu flach, prallt die Kugel sehr weit nach vorn, entfernt sich sehr weit vom Ballführenden. Die Gefahr des Ballverlusts ist groß. Im Optimalfall prallt der Ball auf Höhe des Verteidigers gegen die Bande. So hält er den größtmöglichen Abstand zum Verteidiger. Grundlage dieses Spielzugs ist das Gesetz von „Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel“. In dem Winkel, in dem man die Bande anspielt, prallt der Ball auch wieder ab.

 

Wichtigster Aspekt eines jeden Dribblings ist die Ballkontrolle. Das schönste und schnellste Dribbling ist wirkungslos, wenn es ins Aus, gegen die Bande oder zum Ballverlust führt. Es dient nur dazu, den Ball in Tornähe des Gegners zu bringen, Wie dies letztendlich bewerkstelligt wird, ist für den Erfolg zweitrangig. Optimal ist es, wenn der Ball zum Spieler gehört wie Fuß und Kopf. Ist dies erreicht, braucht es die akustische Wahrnehmung der Rassel nicht mehr. Instinktiv weiß der Aktive, wo „sein Ball“ ist. Dieser Zustand ist sicher nur von hochtalentierten Spielern mit viel Übung zu erreichen. Er darf aber als Ziel gelten, um den Weg der Dribbelübungen zu weisen.

 

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