Der neue Gaddafi

Wie schön war doch alles geordnet zu Weihnachten 2010! Gut, wir hatten da irgendwie Finanzkrise. Doch die Summen und Methoden der sogenannten Bankenrettung waren sowieso für alle zu hoch. Für das Volk gab es die Abwrackprämie. Zum Ausnutzen und vor allem auch zum Ablenken.

Ich meine diesmal nicht Europa, sondern Arabien. Die hatten Winter und noch keinen Frühling. Überall waren mehr oder weniger wohlgelittene Potentaten installiert. Den Dauerzwist zwischen Israelis und Palästinensern lassen wir mal beiseite. Den gibt es gefühlt ja seit Jahrhunderten. In Ägypten saß der Mubarack, in den USA der Barack, in Syrien der Assad, in Saudi-Arabien König Sowieso, in Teheran der unselige Achmadeni, in Moskau der Putin und im Irak im Grunde auch der Barack. In Libyen hatten wir den Gaddafi. Und der hatte zwei wichtige Aufgaben zu erfüllen. Einmal durfte er dem Westen Öl liefern. Für das Ölgeld kaufte er dann nicht etwa Brunnen und Mädchenschulen, sondern Waffen. So kriegten wir das Geld dann gleich zurück. Und zweitens hielt er die Flüchtlinge auf, die von Libyen aus übers Meer nach Europa wollten. Im Zweifel tat er das mit den Waffen, die er von uns gekriegt hatte. Öffentlich war der Gaddafi im Westen ja der letzte Heini. Von wegen Menschenrechte und Demokratie. Inoffiziell war er eben so furchtbar praktisch. Kaum einer schaffte es aufs Meer oder gar hinüber.

Es wurde Frühling in Arabien. Die Maiglöckchen blühten. Die Vöglein sangen. Der Nil plätscherte friedlich. Und alles geriet durcheinander. Sie kennen das ja. In Ägypten wählten sie einen Präsidenten aus den Reihen der Muslimbrüder. Den musste das Militär zwei Jahre später wieder mühsam entsorgen. Jetzt erst heißt der Mubarack eben Asisi. In Syrien ließ sich Assad erst gar nicht vertreiben. Deshalb haben wir dort längst keinen Frühling mehr. Und in Libyen hatte sich der Westen genehmigen lassen, Gaddafis Luftwaffe am Boden zu halten. Die Russen hatten im Weltsicherheitsrat zugestimmt. So flogen dann Amis, Franzosen und Engländer gemütlich übers Land. Aus Versehen schwächten sie Gaddafis Armee am Boden dabei so sehr, dass er am Ende getötet wurde. Ein Kollateralschaden? Die Russen hatten dazu nicht ihr Ja gegeben. Ausgetrickst, dummer Putin! Westerwelle hatte Deutschland sich enthalten lassen. Ob der die wahren Pläne des Westens schon kannte? Jedenfalls war jetzt der Gaddafi weg und ein Haufen Kuddelmuddel am Start. Einmarschieren wollte der Westen nun gar nicht. So haben wir da eben zwei Regierungen ohne Macht und die Flüchtlinge kommen wie Bolle aus Libyen. Zum Glück wird es jetzt Winter und da werden es weniger.

Die Mehrheit kommt sowieso aus Syrien über die Türkei. Und welch ein Glück – da haben wir ja noch unseren NATO-Freund Erdogan. Sie wissen schon, der lupenreine Demokrat vom Bosporus. Ob der noch in die EU will, spielt ja längst keine Rolle mehr. Da hat sich vor allem Frau Dr. Angela Merkel lange Zeit dermaßen zurückgehalten, dass sie schon gar nicht mehr zu sehen war. „Strategische Partnerschaft“ war immer das höchste der Gefühle, das sie sich vorstellen konnte. Jetzt war der Erdogan kürzlich in Brüssel und hat erstmal kräftig geklagt. Milliarden hat sein Land bereits ausgegeben. Über zwei Millionen Leute sind aufgenommen. Zu den Lebensumständen der zwei Millionen sagt er nichts. Dass, wer konnte, nach Griechenland weiterreisen durfte, sagt auch keiner mehr. Der Erdogan ist doch auf einmal so furchtbar praktisch.

Deutsche Außenpolitik mischt sich nicht in Wahlkämpfe fremder Länder ein. Das war mal ein Grundsatz der deutschen Außenpolitik. Das findet Frau Dr. Angela nun wohl gerade eher unpraktisch. Kann sie ja nichts dafür, dass die Türken am 1. November wählen! Ganz bestimmt will sie den Erdogan jetzt nicht im Wahlkampf unterstützen. Nein nein, es geht um eine humanitäre Mission. Geld will sie nach Ankara bringen. Damit die Türken die Leute jetzt besser unterbringen. Und vor allem, damit sie die Flüchtlinge jetzt nicht mehr nach Griechenland lassen. Die Waffen dazu haben sie bereits. Die Türkei – ein sicheres Herkunftsland! Wer würde daran zweifeln? Das kriegen wir auch noch hin. Das bisschen Gebombe auf die Kurden nehmen wir als Kollateralschaden und Wahlkampfgetöse so in Kauf. Kein Problem.

So eilt Frau Dr. Angela im Auftrag der EU an diesem Wochenende nach Ankara. Mit Geldkoffern im Gepäck. Die sind sogar größer als bei der FIFA. Und so wird der gute alte Erdogan eben zum neuen Gaddafi. Was regen sich CDU, CSU und Pegida eigentlich auf? Merkel hat die Kehrtwende längst vollzogen.

 

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