Der Kopfschutz

Im Regelwerk der IBSA sind Schienbeinschoner und weiches Schuhwerk ohne Stollen als Kleidung, die die Verletzungsgefahr herabsetzt, vorgeschrieben. Weitere Vorgaben sind nicht gemacht. Weder Knie, Ellbogen noch der Kopf sollen laut internationalem Reglement zusätzlich geschützt werden.

In Deutschland möchte man nun über diese Vorschriften hinausgehen und den Kopf schützen lassen. Wie genau ein Kopfschutz auszusehen hat, ist noch nicht bekannt. Jedoch kann davon ausgegangen werden, dass der Kopf rundum gepolstert werden soll. Vielleicht kann man sich den künftigen Kopfschutz wie ein sehr starkes Stirnband vorstellen, das den Schädel wie ein Ring umgibt und ihn seitlich vor Stößen schützt.

 

Auf den ersten Blick erwarten Menschen, denen man vom Blindenfußball erzählt, eine Reihe von Zusammenstößen auf dem Feld. Diese Menschen sind weder vertraut mit der voy-Regel noch dem scharfen Gehör und dem hohen Maß an Aufmerksamkeit, welches die Spieler an den Tag legen. Sie wissen nicht, dass die Bewegungsgeschwindigkeit des blinden Spielers meist wesentlich geringer ist als die des sehenden Fußballers. Die Praxis der ersten Saison sowie der Freundschaftsspiele zeigt, dass es nicht häufiger zum Zusammenprall kommt als im Fußball der Sehenden. Dies mag den Leser erstaunen, zeigt sich aber beim Zuschauen. Die Gefahr liegt im Annähern zweier oder mehrerer Personen. Die Regeln sehen hierfür Schutzmaßnahmen vor. Der Großteil der Zweikämpfe läuft unter Körperkontakt. Ist dieses Stadium erreicht, sind Zusammenstöße mit den Köpfen eher selten.

 

Dennoch ist unstrittig, dass der Kopf ein besonders schützenswerter Körperteil ist. Er beherbergt das Gehirn und den Großteil der Sinnesorgane. Entsprechend empfindlich reagiert der Kopf auf Stöße und Schläge.

 

Die Sicherheit der Aktiven ist ein hohes Gut auch in diesem Sport. Es handelt sich ausschließlich um Amateure. Somit gehen viele in ihrem Alltag einer beruflichen Tätigkeit nach. Der Sport sollte möglichst keine negativen Wirkungen auf den Alltag zeitigen. Dies ist jedoch kein Spezifikum des Blindenfußballs. Jeder Freizeitsportler begibt sich in dieses Dilemma. Der allergrößte Teil auch der sehenden Fußballer sind Freizeitsportler. So trägt jeder sehende Erwachsene selber die Verantwortung dafür, sich der Gefahr einer Verletzung auszusetzen und nimmt mögliche Nachteile in Kauf. Es gibt keinen Grund dafür, dass blinde und sehbehinderte Menschen nicht auch diese Verantwortung tragen können. Soll der Wunsch nach Gleichberechtigung nur einigermaßen ernst genommen werden, beinhaltet er selbstverständlich auch die Verantwortung für das eigene Risiko.

Diese Tatsache kann natürlich dazu führen, dass sich die Aktiven in ihrer Mehrheit für das Tragen eines Kopfschutzes aussprechen. Fällt diese Entscheidung in einem fairen und transparenten Prozess, dürfte sie breite Akzeptanz finden. Wird die Vorschrift aber von sehender Seite hineingetragen in den Blindenfußball, schleicht sich der Verdacht der besonderen Fürsorge ein.

 

Ein unschätzbarer Vorteil des Blindenfußballs gegenüber anderen Behindertensportarten ist die Wirkung in der Öffentlichkeit. Mit dieser Sportart tritt ein Behindertensport auf die Bühne, der selbst in Deutschland größeres Interesse findet.

Diese Aufmerksamkeit ist möglicherweise zu einem kleinen Teil durch die Erwartung eines besonderen Spektakels begründet. Blinde Menschen laufen „frei“ herum – da rechnet der Zuschauer mit heftigen Zusammenstößen und fließendem Blut. Dieser eher aus der Zirkus- oder Jahrmarktsmentalität entspringenden Zuwendung muss durch die Regeln ein Riegel vorgeschoben werden. Ein Zuschauer mit solchen Erwartungen soll enttäuscht nach Hause gehen.

Gerade in Deutschland ist es eher das Zauberwort Fußball, das die Medien und Gäste zu diesem Behindertensport lockt. Fußball ist in Deutschland der Sport Nummer eins und interessiert die Menschen. Jeder weiß ungefähr, wie Fußball gespielt wird. Die Frage, wie blinde und sehbehinderte Sportler dies hinkriegen, fasziniert die Menschen. So erfährt der Blindenfußball ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Dies bietet die große Chance, einem breiten Publikum zu zeigen, wozu Menschen mit Behinderung in der Lage sind.

Treten die Blindenfußballer nun mit Kopfschutz auf, unterscheiden sie sich für den Zuschauer auf den ersten Blick erheblich vom gewohnten Bild des sehenden Fußballers. Zwei Reaktionen auf diese Überraschung sind denkbar. Diese Besonderheit könnte den Erwartungen des Gastes entsprechen. In seiner Vorstellung bedürfen Behinderte und insbesondere Blinde eines besonderen Schutzes. Da ist es folgerichtig, dass ein Kopfschutz getragen wird. Andere Gäste aber könnten doch arg entgeistert sein, wenn sie die Sportler plötzlich derart gekleidet daherkommen sehen. Sanftes Mitleid gepaart mit einem milden Lächeln könnte sich breitmachen. Der blinde Sportler muss sich entscheiden, welches Bild er in der Öffentlichkeit abgeben möchte.

 

Häufig ist vom einen und einzigen Wahrnehmungskanal des Blindenfußballlers, dem Gehör, die Rede. Sicherlich wird ein Kopfschutz niemals so konstruiert sein, dass er die Ohren direkt abschirmt. Dies wäre absurd. Das Gehör sollte in keiner Weise beeinträchtigt werden. Der Kopfschutz muss also so gestaltet sein, dass er die akustische Wahrnehmung, die aber nicht nur direkt über das Ohr läuft, möglichst wenig stört. Auf einen günstigen Kompromiss zwischen Schutzfunktion und Gehöreinschränkung muss geachtet werden.

 

Es gibt gute Gründe für und ebenso gute gegen den Kopfschutz. Ihn allgemeinverbindlich vorzuschreiben ist eine strenge Maßnahme. Angemessener wäre vielleicht, das Tragen des Kopfschutzes zuzulassen, aber in das Ermessen der Aktiven zu stellen.

Andere Komponenten wie körperlicher Zustand der Aktiven und Ausbildung der Wahrnehmungsfähigkeit tragen möglicherweise in weit höherem Maße zur Sicherheit der Spieler bei. Diese Qualitäten müssen erarbeitet werden. Doch werden sie nachhaltiger wirken als jede Schutzkleidung.

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