Der Rufer

Einigermaßen absurd muss dem Fußballinteressierten die Vorstellung erscheinen, ein Aktiver befände sich außerhalb des Feldes und würde wirksam ins Geschehen eingreifen. Immerhin, bei der Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich hob ein im Toraus liegender Verteidiger das Abseits auf. Ganz ausgeschlossen ist dieses Phänomen also nicht.

 

Doch im Blindenfußball gehört zum Team der vier Feldspieler und des Torwarts noch ein Rufer, der hinter des Gegners Tor postiert wird. Dieser Rufer spielt niemals auch nur einen Ball, kann aber dennoch gehörige Torgefahr entwickeln oder den Angriff abstumpfen.

 

Befindet sich der Ball in der eigenen Hälfte, gibt es für den Rufer nicht sehr viel zu tun. Er ist eine reine Offensivkraft. Allenfalls kann er während solcher Phasen die eigenen Angreifer in besonders günstige Positionen dirigieren. Darüber hinaus beobachtet er das Verhalten der gegnerischen Abwehr.

 

Gerät die Kugel nun in des Gegners Hälfte oder sogar ins eigene Angriffsdrittel, schlägt die Stunde des Rufers. Er dient seinem Angriff nicht nur als Leuchtfeuer hinterm Tor, damit dieses präziser anvisiert werden kann. Mit kurzen Anweisungen greift der Rufer aktiv ins Angriffsspiel ein. Dabei muss er berücksichtigen, dass dem Blindenfußballer nur der eine Wahrnehmungskanal zur Verfügung steht. Unnötig viele Worte sind zu vermeiden.

Die Anweisungen des Rufers können sich sowohl an den Ballführenden als auch an seine Sturmpartner richten. Meist aber gelten sie dem Ballführenden.

Neben den inhaltlichen Aspekten können die Anweisungen auch die Komponente der Motivation enthalten. Wie jeder Feldspieler soll ein motivierter Rufer seine Emotion auf den eigenen Angriff übertragen.

 

Weibliche Stimmen „ragen“ aus dem meist männlichen Stimmengewirr auf und um den Platz heraus. Insofern ist es clever, wenn man auf die Position des Rufers eine Frau stellt.

Deren Stimme dringt wesentlich besser zum Spieler durch.

 

Der Rufer kann aus seiner Ruheposition heraus das Spiel hervorragend beobachten. Hierfür wird ihm hinterm Tor auch der beste Platz zugestanden. Dies befähigt den Rufer, seinem Sturm ganz besonders wertvolle Impulse zu geben.

 

Um die Anweisungen während des laufenden Angriffs zu optimieren, sollte die Mannschaft ein spezielles Vokabular einstudieren. Dies kann sowohl Informationen über Torentfernung, freie oder verstellte Schussbahn, Position der Sturmpartner oder Schusswinkel enthalten. Letztlich führen nur automatisch und somit blitzschnell umgesetzte Anweisungen zum Erfolg.

 

Dies bedeutet, dass der Rufer ein Teil der Mannschaft und es somit unerlässlich ist, dass er regelmäßig am Mannschaftstraining teilnimmt. Es ist nicht damit getan, im rechten Augenblick „Schuss“ zu rufen. Feldspieler und Rufer müssen einander kennen und sich aufeinander einspielen. Jeder muss in gleichem Maße im Spiel sein. Ein geschickter Rufer trägt genauso zum Torerfolg bei wie der Schütze oder der Vorbereiter.

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