Das Voy

Bei diesem Ruf, der aus dem spanischen übersetzt „ich komme“ bedeutet, handelt es sich um eine ausgesprochene Besonderheit des Blindenfußballs. Die Regel sieht vor, dass ein Spieler, der den Ballführenden angreift, spätestens aus drei Metern Entfernung seinen Angriff auf den Ball mit voy ankündigt. Unterlässt er dies oder ruft er zu spät, wird dies vom Schiedsrichter als Foul gewertet und entsprechend geahndet.

Auf diese Weise sind beide Beteiligten eines Zweikampfs rechtzeitig akustisch wahrnehmbar. Der Angreifer durch das voy und der Ballführende durch die Rassel des Spielgeräts. Insofern erfüllt das voy eine wichtige Sicherheitsfunktion für die Aktiven.

 

Es gibt weitere Regeln, die diesen Zweck erfüllen. Der Oberkörper darf nicht nach vorn geneigt sein. Aufrecht soll der Zweikampf geführt werden, damit die Köpfe nicht zusammenstoßen. Die Arme dürfen nicht vorgestreckt werden, um den Gegner nicht mit Fingern oder Fäusten zu verletzen. Fällt einer der Beteiligten zu Boden, ohne dass er gefoult wurde, darf er den Ball nicht mehr spielen. Werden all diese Regeln eingehalten, ist die Verletzungsgefahr kaum größer als im sehenden Fußball. Dennoch ist auch Blindenfußball ein Sport mit Körperkontakt. Einer gewissen Verletzungsgefahr setzt sich der Blindenfußballer genauso aus wie der Sehende.

 

In jüngster Zeit wird in Deutschland der Kopfschutz als weitere Schutzmaßnahme diskutiert. Für die zweite Saison soll er verpflichtend eingeführt werden. International ist dies nicht üblich. An anderer Stelle wird auf dieses Thema näher eingegangen.

 

Viele Spieler tun sich zu Beginn ihrer Laufbahn schwer mit dem voy. Dies mag daran liegen, dass es sich unnatürlich anfühlt, seinen Angriff derart offenkundig, fast lauthals anzukündigen. Lieber möchte sich der Angreifer schnell, fast unbemerkt und unwiderstehlich „heranschleichen“ und den Ball stibitzen. Für den Deutschsprachigen ist es ein fremdes, aber doch leicht zu lernendes Wort. Das voy-rufen sollte folglich zum Grundlagentraining des Blindenfußballers gehören. Ganz automatisch muss er diesen Ruf ausstoßen, wenn er versucht, den Ball zu erobern, Eine Übungsform könnte sein, das voy auch im Alltag einzusetzen. In Trainingspausen z.B. kann das voy genutzt werden, um einander nicht über den Haufen zu rennen. Es kann auf Bahnsteigen als „Geheimzeichen“ gerufen werden, um einander zu finden. Je alltäglicher das voy für den Spieler wird, desto seltener wird er es auf dem Spielfeld vergessen.

 

Die Gefahr des Zusammenstoßes zweier oder mehrerer Spieler besteht jedoch bei weitem nicht nur im Kampf um den Ball. Fußball ist ein Laufspiel. Die Spieler verändern ständig ihre Positionen. Dabei traben oder laufen sie über das Feld. Steht nun ein gegnerischer oder gar ein eigener Spieler dem Laufenden im Weg, ist er akustisch nicht vorhanden. Der Zusammenprall ist unvermeidlich. Dieser kann unter Umständen verletzungsträchtiger sein als der Kampf um den Ball, weil der stehende Spieler locker dasteht und auf keinerlei Aktion vorbereitet ist. Seine Muskulatur ist nicht angespannt und bietet keinen Schutz. Einige Spieler sind ungehalten, wenn es auf diese Weise zu Unfällen kommt. Dies ist auf den ersten Blick nachvollziehbar, weil sie ja einfach umgerannt werden, ohne etwas getan zu haben. Auf den zweiten Blick wird aber deutlich, dass solche Unfälle keinen Schuldigen haben. Vermeidbar wären sie, wenn auch hier das voy zum Einsatz käme. Schriebe man dem Spieler, der sich bewegt, vor, voy zu sagen, hätte der Stehende die Pflicht, auszuweichen. Oder aber er müsste sich ebenfalls bemerkbar machen. Um den Lärmpegel auf dem Feld nicht über Gebühr zu steigern, dürften diese Lautäußerungen nur gesprochen, nicht aber gerufen werden. Sinnvoll wäre vielleicht auch, zur besseren Unterscheidung ein anderes kurzes Wort zu wählen, damit Verwechslungen ausgeschlossen sind.

 

Der Torhüter genießt im sehenden Fußball in seinem Fünfmeterraum besonderen Schutz. Dies ist aus guten Gründen so und im Blindenfußball bezogen auf den Zweimeterraum nicht anders. Es ist Aufgabe des Rufers, den eigenen Stürmer an ungestümen oder gar unfairen Aktionen gegen den Keeper zu hindern. Die Praxis der ersten Saison hat gezeigt, dass dies nicht immer gewährleistet und der Keeper arg gefährdet ist. Eine Ahndung dieser Unterlassung seitens des Rufers ist nicht vorgesehen. Alternativ oder kumulativ zu dieser Sicherheitsmaßnahme könnte man auch dem Torhüter ein Wort in den Mund legen, welches er bei Annäherung eines gegnerischen Stürmers ruft. Ignoriert der Stürmer diesen Ruf, wird dies als Foul geahndet. Der Zweimeterraum des Keepers ist derart klein, dass der Angreifer nicht erst in ihm zum Abschluss kommen muss. Er sollte seine Aktion vorher beenden und gefährdet den Keeper somit nur noch mit dem Ball.

 

Zweifellos würden diese zusätzlichen Warnrufe die Sicherheit der Spieler weiter erhöhen. Auf der anderen Seite belasten sie den einen Wahrnehmungskanal der Aktiven mit weiteren Informationen. In Widerstreit könnten Sicherheit und Spielkultur geraten. Welches Kriterium wichtiger ist bzw. schwerer gewichtet werden sollte, kann hier nicht abschließend geklärt werden. Im Hinblick auf die Qualität sollte das Gehör der Aktiven tatsächlich nur mit dem absolut Notwendigen belastet werden. Nur ein Spiel, das auf Leistung aufbaut und nicht auf Zufall, kann allen Beteiligten Freude machen. Andererseits wird diese Freude durch zu häufige oder schwere Verletzungen getrübt.

 

Die internationalen Regeln, die lediglich das voy bei Annäherung an den Ballführenden vorsehen, beruhen auf wesentlich mehr Erfahrung als sie in Deutschland vorhanden ist. Aus diesem Grunde stellen sie gewiss eine wichtige Richtschnur dar. In Deutschland kann die Sicherheit stärker betont und über die IBSA-Regeln hinausgegangen werden. Dies birgt aber immer den Keim der mangelnden Attraktivität in sich.

 

Im sehenden Fußball wird es von der Kreisklasse bis zur Bundesliga in Kauf genommen, dass sich Spieler verletzen. Keiner möchte das. Es geschieht aber, weil es nicht zu verhindern ist. Mit Hilfe der Regeln versucht man, die Verletzungsgefahr zu minimieren. Doch Zweikämpfe und körperlicher Einsatz gehören zum Spiel. Es gibt keinen Grund, die blinden Fußballer weicher in Watte zu packen als die sehenden Kollegen. Genauso selbstbestimmt wie sein sehender Sportkamerad kann sich der blinde Spieler den Gefahren seines Fußballsports aussetzen oder davon Abstand nehmen. Man ist davon abgekommen, die behinderten Menschen in allzu besonderer Weise zu behandeln. Damit grenzte man sie genauso aus wie man sie beschützte. In unseren Tagen sind Gleichberechtigung und Integration die Schlüsselbegriffe. Der Blindenfußball ist geradezu prädestiniert, diese Begriffe mit Leben zu füllen. Übereifriges Regulieren unter dem Vorwand des besonderen Schutzbedürfnisses kann diese Effekte aufheben.

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Blindenfußball veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s