Am Fenster

Tag der deutschen Einheit. Das 25. Jubiläum ist vor allem ein Anlass für nicht endendes Pathos und grenzenlose Schwafelei. Keine Phrase ist zu hohl, als dass sie nicht heute auch noch ein x-tes Mal gedroschen werden könnte. Ich möchte mir deshalb in erster Linie anschauen, in welche Richtung sich das vereinigte Deutschland bewegt hat. Erste Gedanken dazu kamen mir bei meinem Besuch in Thüringen.

An einem Mittwoch im September sitze ich auf dem Erfurter Bahnhofsvorplatz. Ein friedlicher, warmer Tag, an dem der Cappuccino in der Sonne besonders gut schmeckt. Mein Blick fällt auf das gegenüberliegende Hotel, auf den ehemaligen „Erfurter Hof“. Ein großer Schriftzug ziert den Giebel des Gebäudes: „Willy Brandt ans Fenster“, ist dort zu lesen. Ich sitze vor dem Hotel, in dem Willy Brandt beim ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen im März 1970 wohnte. Wo ihm tausende Erfurter Bürger einen begeisterten Empfang bereiteten, als er am Fenster erschien.

Mir kommt der Gedanke, dass ich ohne die Politik Willy Brandts nie die DDR hätte besuchen können. Dass es so weder meine Kinder, noch meine gerade geborene kleine Enkelin gäbe.

Ich wuchs in der alten – zugegebenermaßen spießigen – Bonner Republik auf. Als Nachkriegskind in einer links orientierten Dortmunder Bergmannsfamilie lernte ich beizeiten, dass es keine Gründe gab, auf meine Nationalität stolz zu sein.

Und doch kristallisierten sich für mich im Laufe der Zeit drei positive Aspekte heraus:

im Gegensatz zu vielen anderen Ländern hat sich die BRD zumindest ab einem gewissen Zeitpunkt ihrer grausigen Vergangenheit gestellt. „Von deutschem Boden soll kein Krieg mehr ausgehen“, war solch ein Satz, der mich mit meiner Nationalität ein wenig versöhnte.

Der zweite Punkt war die soziale Marktwirtschaft, gekoppelt mit einer relativ großen sozialen Sicherheit, um die uns viele unserer Nachbarstaaten beneideten.

Und seit den 70er Jahren gab es noch eine dritte Säule, die etwas Identifikationspotential zu bieten hatte. In der Politik hatte man endlich erkannt, dass miteinander Reden die einzige Möglichkeit zur positiven Veränderung ist. Statt sich in schlichten Feindbildern zu ergehen, suchte man den Dialog. Und es funktionierte. Der Besuch Willy Brandts in Erfurt stand am Beginn einer Entwicklung, die in der Grenzöffnung ihren Höhepunkt fand. Wir haben als Deutsche also ganz hautnah von einer Politik der Gesprächsbereitschaft profitiert.

Ich sitze immer noch auf dem Erfurter Bahnhofsvorplatz. Jetzt bin ich in der Gegenwart. Mein Blick fällt auf die überdimensionalen Schlagzeilen der gängigen Boulevard-Erzeugnisse am benachbarten Zeitungsstand. Man könnte sich verwundert die Augen reiben und in die Zeit des kalten Krieges zurück katapultiert sehen.  Die Bild meint: „Genug gesprochen“! Der Spiegel ruft zum „Ende der Feigheit“ auf, die Faz versteigt sich zu der Forderung: „Stärke zeigen“. Das sind nur ein paar Ratschläge, die sie den Politikern im Umgang mit Herrn Putin ans Herz legen. Neulich palaverte Herr Gauck von Verantwortung, die Deutschland übernehmen muss. Mit Verantwortung kann auch Waffengewalt gemeint sein, hat er dann noch präzisiert. Nur zur Erinnerung: er ist nicht bayerischer Hinterbänkler, sondern Bundespräsident. In einem früheren Leben war er Pastor!

Nun, das ist also übrig geblieben von meinen Identifikationspunkten 1 und 3, sprich „Nie wieder Krieg“ und „Man muss mit einander reden“.

Bleibt noch Punkt 2: das Soziale.
Dazu muss ich nicht viel ausführen. Die soziale Kälte spürt man überall. Wer sich für ein paar Euro mit dem Jobcenter rumschlagen muss, weiß wovon ich rede. Wer sich für ein paar Euro mehr unter unerträglichen Arbeitsbedingungen verkaufen  muss, weiß es auch. Für die Generation der 30jährigen, die sich trotz guter Ausbildung nach zahlreichen Praktika von einem Jahresvertrag zum nächsten hangelt, ist ein unbefristetes Arbeitsverhältnis ein Märchen aus einer anderen Welt. Im Gesundheitswesen gibt es keine Patienten mit individuellen Bedürfnissen mehr, sondern „Fallpauschalen“. Die Ökonomisierung ist allgegenwärtig.

Dies ist also die Richtung, in die unser Land seit 1990 marschiert ist. Hat es etwas mit der sog. Wiedervereinigung zu tun? Ich weiß es nicht. Ausschlag gebend ist für mich, dass diese Richtung falsch ist. Dass sie uns krank macht. Innehalten ist geboten und Nachdenken über Alternativen. Das muss von uns kommen. Wir können nicht auf Politiker warten, denn die haben die Alternativlosigkeit längst zum Credo erhoben.

Aber apropos marschieren. In einem einzigen Punkt habe ich Hoffnung:
Trotz aller Anstrengungen schaffen es momentan weder die Politiker noch die gleichgeschalteten Medien, bei den Deutschen Kriegsbegeisterung zu wecken.

Wie lange noch?

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