Kundus – Symbol des Scheiterns

Am 11. September krachten zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York. Eines landete im Pentagon und das vierte auf freiem Feld. Noch schneller als Kanzler Schröder seine uneingeschränkte Solidarität versichern konnte, waren die Schuldigen ausgemacht. Die Taliban in Afghanistan. Die waren zu allem fähig. Hatten sie doch zuvor irgendwelche Tempel oder Statuen kaputt gemacht, für die sich niemand jemals interessiert hatte. Genau wie jetzt der IS in Palmyra. Mir ging das damals gar nicht aus dem Kopf. Wie kann es sein, dass diese Taliban plötzlich ein großer Spieler auf der Weltbühne sind? Damals kannte ich Volker Pispers noch nicht. Der erklärt uns das. Die Amis holen sich ihre Guten und Bösen immer aus einem Schrank. Saddam Hussein war gegen den Iran noch der Gute. Später war er dann der Böse und hatte Massenvernichtungswaffen. Als die Taliban noch gut waren und Mudschahedin hießen, kämpften sie gegen die Russen. Jetzt hießen sie dann eben Taliban und machten Tempel kaputt. Die US-Regierung kommt nicht ohne einen Bösen aus.

Die Bundeswehr stieg mit ein in diesen Krieg. Wir dürfen nur nicht vergessen, dass dieser Einsatz jahrelang nicht Krieg genannt wurde. Das war ein humanitärer Einsatz im vergleichsweise sicheren Norden. Es ging darum, Brunnen zu bauen und Mädchenschulen. Kramten wir in Fernseharchiven, würden wir das finden und könnten diesen Quark noch weniger ertragen als damals. Deshalb war es eine Großtat von Theodor zu Guttenberg, als er so um 2008 herum begann, den Einsatz Krieg zu nennen. Damals war er Verteidigungsminister. Heute sind wir aufgeklärter und sprechen darüber, dass um Kundus herum deutsche Soldaten erstmals nach dem Weltkrieg wieder in die Schlacht zogen. Ein ganz wichtiges Leitwort der ersten Jahre war State Building. Ist doch ganz einfach. So, wie es die Amis nach 1945 bei uns gemacht haben. Wir zeigen den Afghanen mal, wie man das macht. Dann werden sie so begeistert sein und ihre völlig veralteten Stammesstrukturen über Bord werfen. Das leuchtet denen sofort ein. Unsere Demokratie ist was Tolles. Die bringt Brunnen und Mädchenschulen ins Land.

Ein kurzer Blick muss auch auf den Ausspruch Peter Strucks fallen. „Deutschland wird am Hindukusch verteidigt“. Wer kennt ihn nicht? Da waren die Sozis noch an der Macht und stellten den Verteidigungsminister. Immerhin war Struck schon beim Verteidigen angekommen. Dabei musste vielleicht auch mal geschossen werden. Aber sicher nur ganz vorsichtig und niemals auf die Brunnen- und Mädchenschulenbauer. Der Hindukusch (persisch ‏هندوکش‎) ist ein Gebirge in Zentralasien. Es liegt größtenteils in Afghanistan, der östliche Teil mit den höchsten Gipfeln liegt in Pakistan. Im äußersten Osten verläuft er entlang der pakistanisch-chinesischen Grenze. Der höchste Berg ist der Tirich Mir (7708 m). Vorsichtigerweise sagte Struck „am“ Hindukusch. Denn „in“ das Gebirge wollte er sicher keine Soldaten schicken. Da hatten sich die Russen schon blutige Köpfe gegen die von den USA ausgerüsteten Mudschahedin geholt. So gewinnt Strucks Ausspruch mehr Sinn als er beabsichtigte.

Mit den Jahren sind dort 55 deutsche Soldaten gestorben. Obgleich die deutsche Bevölkerung immer mehrheitlich gegen diesen Krieg war, sorgte das nicht für Aufstände. Ich glaube mich an eine Frau Dr. Angela zu erinnern, die bei einer solchen Beisetzung Worte sprach. Dass sie sich nicht schämt, dachte ich damals wie heute. Wie gut muss sie sich in mehrere unabhängige Teile spalten können! War sie es doch mit wechselnder Regierungsmehrheit, die die Soldaten hingeschickt hat und das Mandat ständig verlängerte. Eine Regierungsmehrheit brauchte es gar nicht. Außer den Linken stand das Parlament hinter unserer Truppe im Feld. Nicht wenige sagten, dass seien wir ihnen schuldig. Falsch. Schuldig wäre das Parlament den Soldaten gewesen, sie zurück zu holen. Aber gut, so war das eben.

Die Lage in Afghanistan ist 2015 haarsträubend. Sicherheit gleich null. Die Wirtschaft am Boden. Zehntausende sind bereits hier, wandern aus oder sind kurz davor. Wir hören davon, dass dem Land wohl eine ganze Generation abhanden kommt. Die Taliban sind längst wieder im Vormarsch. Die verbliebenen 800 deutschen Soldaten sollen nach aktueller Beschlusslage 2016 abgezogen werden. So sieht es aus im aufgebauten Staat (state building) Afghanistan.

Eine absolute Pleite. Eine, die unzählige Menschenleben kostete. Eine, die dem Land vorerst jede Perspektive raubt. Kundus ist für uns Deutsche so ein Symbol. Das kennen wir. Die meisten aus den Nachrichten. Viele Soldaten und Helfer aus eigener Anschauung. Die Taliban haben sich erstmal die Brunnen, Straßen und Mädchenschulen unter den Nagel gerissen, die Deutschland half aufzubauen. Wenn jetzt aber die Herrschaft über Kundus häufiger wechselt, weil mal die einen und dann die anderen gewinnen, wird bald nichts mehr übrig sein. Dann haben wir die absolute Pleite. Weil dann haben nicht einmal mehr die verbliebenen Einwohner irgend etwas davon.

Und was denken und sagen jetzt unsere lieben Abgeordneten im Bund? Nein, sie neigen nicht etwa verschämt das Haupt und flüstern in die Mikrofone: „Entschuldigt, das war alles Mist, was wir da Jahr für Jahr entschieden haben.“ Nein, sie wollen den Einsatz der besagten 800 Ausbilder über 2016 hinaus verlängern! Oh ja, der Balkan zeige doch, wie viel Geduld man haben müsse. Dauerpräsenz? Besatzungsmacht? Deutschland hat es weit gebracht. Wieder einmal wird eine sinnlose Maßnahme verlängert statt ihre Fehlwirkung einzugestehen. Die Menschen Afghanistans leiden darunter. Kein Wunder, dass viele von ihnen dann lieber zu uns kommen möchten. Sozusagen hinter die feindlichen Linien, wo es ruhig ist.

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