Die Kommunikation

Der Kommunikation innerhalb eines Teams kommt im Blindenfußball immense Bedeutung zu. Hierin liegt ein weiterer Unterschied zum sehenden Fußball. Das Miteinander-Reden erfüllt einige wichtige Funktionen, die das Spiel flüssig oder stockend, präzise oder zufällig, gefährlich oder stumpf macht. Deshalb muss die Kommunikation im Training genauso berücksichtigt werden wie Torschuss oder Zweikampfverhalten.

 

Auf das Rufen von „voy“, wenn ein Verteidiger den ballführenden Gegner angreift, soll hier nur kurz hingewiesen werden. Es wird an anderer Stelle ausführlich behandelt. Letztlich gehört das „voy“ genauso zum Zweikampf wie der Angriff auf den Ball.

 

Fußball ist ein Mannschaftsspiel. Dies muss man sich vor Augen führen, um die herausragende Bedeutung der Kommunikation zu begreifen. Die blinden Feldspieler können einander nicht sehen. Sie wissen lediglich aufgrund der taktischen Grundaufstellung, wo ihre Mannschaftskameraden zu finden sein müssten. Gleichzeitig können sie ohne Zurufe nur auf ihren inneren Kompass zurückgreifen, um die eigene Position genau zu bestimmen. Hilfestellung leistet allenfalls die Bande.

Um nun bspw. die vorher ausgetüftelte Abwehrformation auch präzise einnehmen zu können, rufen alle vier Feldspieler ihren Namen. Mittels ihres geschulten Gehörs können die einzelnen ziemlich genau bestimmen, ob die seitliche Distanz und diejenige in Längsrichtung stimmen. Gleiches gilt auch für das Einnehmen der Offensivformation. Dass der Gegner ebenfalls genauere Informationen erhält, nimmt man billigend in Kauf. Der Vorteil eines guten Aufbau- und Angriffsspiels mit Hilfe der eigenen Absprache sollte überwiegen.

 

Läuft nun ein eigener Angriff und führt ein eigener Spieler den Ball, kann er dies durch den regelmäßigen Ruf „hab“ kundtun. Durch die Bewegung des rasselnden Balles erfahren die Mitspieler bereits einiges über Bewegungsrichtung der Kugel und damit über den vermutlichen Ballbesitz. Doch ist diese Information nicht immer eindeutig. Daher hilft der Ruf des Ballführenden den Mitspielern, ihre eigene Aktion auf die des Ballführenden abzustimmen.

Um sich nun als Anspielstation anzubieten, müssen sich die Mitspieler ebenfalls melden. Sinnvollerweise tun sie dies nur, wenn sie der Meinung sind, freizustehen. Sie können sich dann mit dem Ruf „gib“ zu erkennen geben. Sicherlich kann auch hier der Verteidiger wiederum besser reagieren. Doch überwiegt der Vor- den Nachteil. Es ist ja nicht gewiss, dass der Ballführende den Pass spielt. Auch im abgeschirmten Zustand können sich Mitspieler beispielsweise durch den Ruf „gedeckt“ bemerkbar machen. So ist dem Ballführenden immerhin ihre Position bekannt.

Bei Ballverlust sollte der Spieler dies augenblicklich mit dem Ruf „Verlust“ mitteilen, damit ihm seine Kameraden zu Hilfe eilen können.

Die Positionen der vier Feldspieler sind zu Beginn eines Spielzuges in etwa festgelegt. Um aber die Bewegungen nachvollziehen zu können, braucht der Spieler die Zurufe seiner Mannschaftskameraden. Ein festgelegtes, einstudiertes Vokabular, eine eigene Sprache ist hierfür sinnvoll. Sie sollte klar und kurz sein, um die Wahrnehmung des Spielers nicht unnötig zu belasten.

 

Extrovertierte Torhüter sind im sehenden Fußball akustisch sehr aktiv. Der Keeper im Blindenfußball spielt jedoch aufgrund seines Sehvermögens eine besondere Rolle. Er darf seine Spieler nicht durch übermäßiges Geschrei stören. Vielmehr kann er seinen Verteidigern durch präzise Hinweise genaueres Stellungsspiel ermöglichen. Das Heranschleichen gegnerischer Stürmer soll der Keeper aufdecken. Hat das Team Spielzüge eingeübt, wird der Torhüter diese vor der Spieleröffnung ansagen. Für diese Aufgabe ist wieder ein spezieller Code denkbar, der einstudiert wird. Hinweise an die Stürmer kann der Torwart wegen der großen Distanz nicht geben. Sie gehen im Lärm des Spiels unter und vergrößern diesen. Allenfalls bei Einnahme der Verteidigungsformation kann er seine Stürmer erreichen.

 

Der Rufer hinter des Gegners Tor übernimmt das Kommando, wenn der eigene Angriff die gegnerische Hälfte erreicht. Zum einen dient seine Stimme als Ziel des Angriffs, da der Rufer sich direkt hinter dem Tor aufhält. Andererseits vermittelt er den Stürmern wichtige Hinweise wie etwa Entfernung zum Tor, Zahl der Verteidiger oder gibt das Zeichen zum Schuss. Auch der Rufer muss seine Hinweise dosieren, um das Gehör der Spieler nicht über Gebühr zu beanspruchen.

 

Der Trainer hält sich meist in Höhe der Mittelinie hinter der Bande auf. Von hier aus hat er sowohl das gesamte Feld günstig im Blick als auch all seine Spieler in akustischer Reichweite. Er vereinigt die kommunikativen Funktionen des Torwarts und des Rufers mit denen des taktischen Taktgebers. Hierbei muss er darauf achten, redundante oder gar widersprüchliche Informationen zu vermeiden und weitestgehend ergänzend und lenkend zu agieren.

 

Von seiner Position aus kann der Coach besonders auf die emotionale Verfassung des Teams einwirken. Schläft das Spiel ein, kann er einzelne Spieler oder Mannschaftsteile motivieren. Werden die Aktiven übereifrig oder aggressiv, kann er beruhigend auf sie einwirken. So ist die Rolle des Trainers vielleicht mit der eines Dirigenten vergleichbar.

Auch für alle anderen Beteiligten, Feldspieler wie Torwart und Rufer gilt, dass sie mittels Kommunikation auf die „Gemütslage“ der Mannschaft einwirken können. Die einzelnen Feldspieler feuern sich an, loben einander oder beruhigen aufgebrachte Kameraden. Der Rufer kann mit seiner Stimmlage den Stürmer anstacheln. Klassisch fällt dem Torhüter die Rolle des ruhenden Pols zu, der seine Verteidiger dirigiert und ihnen Rückhalt gibt.

 

Drei Funktionen hat die Kommunikation im Blindenfußball. Sie kompensiert teilweise das Sehvermögen, indem die Aktiven sich gegenseitig hören können. Bestimmte Informationen werden verbal vermittelt, um das Spiel präziser und effektiver zu machen. Zum dritten wirkt ein Gutteil der Kommunikation auf der emotionalen Ebene.

Dies belegt, dass eine zu stumme Mannschaft niemals erfolgreich sein kann.

 

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