Taktik & Talent

Henne oder Ei – was war zuerst da? Diese bekannte Frage stellt sich auch manchem Fußballtrainer in der Abwandlung: Talente oder Taktik – was kommt zuerst?

Diese Frage stellt sich sowohl im Blinden- wie auch im sehenden Fußball gleichermaßen. Zum Talentspektrum des Blindenfußballers gehört zu einem Gutteil das Orientierungsvermögen, welches bei seinem sehenden Kollegen als gegeben vorausgesetzt werden darf. Im Blindenfußball spielt es eine große Rolle. Nur ein orientierter Spieler hat einen größeren Aktionsradius. Er ist in der Lage, auch weitab der Bande oder eines Rufers zu agieren. Dennoch sind Defizite in der Orientierung nicht unbedingt ein Ausschlusskriterium für den effektiven Einsatz eines Feldspielers. Im System eines Teams mag es immer eine Position geben, die auf andere Stärken aufbaut.

 

Wir wollen in dieser Frage gleich zu Beginn Stellung beziehen. Die Taktik des Trainers muss sich an den Fähigkeiten seiner Akteure orientieren. Das schönste System funktioniert nicht, wenn es von den Aktiven nicht umgesetzt werden kann. Der intelligente Einsatz der spielerischen Stärken seiner Schützlinge ziert jeden Coach.

Dies schließt nicht aus, dass er andere Vorstellungen zum Spiel seines Teams bereithält. Die Arbeit an den Schwächen der Spieler gehört natürlich genauso zum Übungsalltag wie diejenige an den Stärken. Ein neues Konzept für das Team kann das Ziel dieser Arbeit sein. Doch erst, wenn die Spieler die geforderten Fähigkeiten annähernd aufweisen, kann das neue System erfolgversprechend angewandt werden. Große Fortschritte kann ein Team durch den Zugang neuer Spieler machen. Bringen diese die gewünschten Fähigkeiten mit, können sie auch die vorhandenen Spieler zur Nachahmung motivieren.

 

Raute (1-2-1) und Rechteck (2-2) sind an anderer Stelle bereits betrachtet worden.

Das Rechteck stellt die einfachste Form der taktischen Aufstellung dar. Jeder Akteur hat sein Spielfeldviertel und die Bande zu Orientierung in der Nähe. Ein Mittelfeld gibt es nicht. Der Raum zwischen Abwehr und Sturm wird entweder durch Abwurf oder Pass aus der Abwehr überbrückt. Die Mannschaft braucht zwei Paare von Spezialisten. Das eine Paar bilden Verteidiger, die den Ball gut abfangen oder den ballführenden Gegner gut bedrängen können. Körperliche Robustheit ist besonders für die Zweikämpfe von Vorteil. Die beiden Stürmer hingegen sollten den Torhunger im Blut haben. Dribbelkunst und Abschlussstärke zeichnen sie aus. Vorm Tor sollten sie keine Nerven zeigen.

Natürlich sind dies nur Schlagworte für die Qualitäten, die beiden Paaren innewohnen sollen. Bei der Auswahl des richtigen Systems spielen sie aber eine Rolle. Stehen dem Team nicht hinreichend Stürmer zur Verfügung, ist es nicht ratsam, zwei Angreifer aufzubieten. Reichen die Fähigkeiten der zwei Verteidiger nicht aus, muss man ihnen ggf. einen dritten Spieler an die Seite stellen. Das Rechteck entfaltet nur dann seine volle Wirkung, wenn es von zwei echten Stürmern und zwei echten Verteidigern gespielt wird.

 

Die Raute fordert einen weiteren Spielertypus, den Universalisten. Die Bereiche der beiden Außenspieler in der Raute erstrecken sich über die gesamte Länge des Spielfeldes jeweils an der Bande entlang. Offensichtlich ist, dass diese Außenspieler ein großes Laufpensum zu absolvieren haben. Da sie sowohl in Abwehr wie Angriff aushelfen sollen, müssen sie – zumindest zu einem gehörigen Teil – die Qualitäten eines Stürmers wie die eines Verteidigers vereinigen. An die Orientierung wird in dieser Formation ein höherer Anspruch gestellt. Nur noch die beiden Außen haben die Bande in ihrer Nähe. Sowohl Libero als auch Stürmer stehen grundsätzlich im freien Raum. Es wird deutlich, dass die Raute ohne laufstarke und orientiertere Akteure nicht gespielt werden kann.

 

Eine weitere Formation hat die Form eines Ypsilon (1-1-2). Wiederum spielt hier ein Libero vorm eigenen Tor. Da er allein steht, wird von ihm neben der Zweikampfstärke auch die Fähigkeit verlangt, ankommende Bälle vorm gegnerischen Stürmer abzufangen. Das Orten des Balles muss bei einem Libero ausgeprägt sein. Gleiches gilt für den Mittelfeldspieler des Ypsilon, der ebenfalls im freien Raum steht. Er ist der erste Abfangjäger gegen die Angriffe des Gegners. Gleichzeitig fällt ihm die Rolle des Spielgestalters zu. Von seiner Position aus kann er die Bälle nach links oder rechts vorn verteilen oder auch selber vorstoßen. Der Mittelfeldspieler vereinigt somit die Fähigkeiten der Außen in der Raute mit denen des Liberos. Dies ist eine immense Anforderung und kann nur von besonders talentierten Akteuren bewältigt werden.

 

Viele weitere Formationen sind denkbar. Doch illustrieren bereits die genannten drei Varianten, dass sie nur mit entsprechend talentierten und ausgebildeten Akteuren erfolgreich gespielt werden können. Man mag dies für eine Binsenweisheit halten. Doch zeigt die Erfahrung, dass dieser Binsenweisheit gelegentlich zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Auch ist offenkundig, dass die Begabung der einzelnen Spieler nicht immer so ausgeprägt einseitig ist, dass sie auf eine Rolle festgelegt sind. Gerade im jungen Sport Blindenfußball gibt es in der Mehrzahl sehr entwicklungsfähige Aktive.

Das Begabungsmuster seiner Schützlinge zu erkennen und daraus die passende Taktik zu entwerfen, ist erste Aufgabe des Trainers. Darauf folgt die Analyse des Entwicklungspotentials der einzelnen Aktiven und darauf basierende mögliche Systemänderungen. Eigene Zielsetzungen des Trainers im Hinblick auf ein bestimmtes Spielsystem finden in der Schwerpunktsetzung beim Training unter Berücksichtigung der analysierten Potentiale ihren Widerhall.

 

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