Der griechische Trick

Gestern wählten die Griechen zum zweiten Maal in diesem Jahr ihr Parlament. Ungefähr die Hälfte der Wahlberechtigten ging zur Urne. Das liegt im postdemokratischn Trend. Die Demoskopen lagen diesmal weit daneben. Ein knappes Rennen sollte es werden. Doch Syriza hat die Nea Democratia abgehängt. Während die Konservativen die vorhergesagten 28 % auch erreichten, wählten starke 35,5 % die Linken, die nach der Spaltung von Syriza übrig sind. Das reicht für Alexis Tsipras, um weiterhin mit den „Unabhängigen Griechen“ eine Koalitionsmehrheit im Parlament zu haben. Voraussichtlich 155 von 300 Sitzen wird die neue und alte Koalition besetzen.

 

Soweit – so schön. Die Griechen haben es anders gemacht als andere Völker. Tsipras hat trotz Referendum der EU-Sparpolitik zugestimmt. Dennoch blieben sie ihm treu. Mangels Alternative? Kann sein. In den meisten anderen Ländern wären die Wähler ihrer eigenen Stimme untreu geworden und hätten mal wieder die anderen gewählt. Da sind viele Menschen so wechselfreudig wie die gescholtenen Politiker, die heute so und morgen so reden. In Griechenland war dies nun anders. Warum? Werfen wir erstmal einen kurzen Blick zurück.

 

Im Januar wird Tsipras erstmals gewählt. Zusammen mit der UG hat er die Mehrheit. Europa ist geschockt. Ruckzuck zimmern die Griechen eine Regierung zusammen, die sich im Wahlkampf gegen das EU-Sparprogramm stellte. In den Folgemonaten viel Wortgetöse. Sie reiben sich aneinander, die Spitzenpolitiker. Der griechische Staat hangelt sich von Kredit zu Kredit. Im Juli haut das nicht mehr hin. Mit neuem Geld kann keine alte Schuld mehr bedient werden, weil keines mehr kommt. Tsipras macht mal kurz eine Volksabstimmung über die Sparpolitik der EU. Das verstört die Postdemokraten gründlich. Sowas demokratisches kennen sie nicht mehr. Die Griechen sprechen sich deutlich gegen das Spardiktat aus. Großer Schreck, der Grexit naht. Keiner weiß, wie das gehen soll. Außer Schäuble vielleicht. Und jetzt kommt die Wende! Plötzlich ist Alexis ganz lieb, schmeißt seinen Finanzminister raus und verhandelt brav in Brüssel. Heraus kommt ein drittes Sparpaket für Griechenland. Die bislang nutzlose Medizin wird in der Dosis erhöht und weiterhin gegeben. Dafür verspricht das griechische Parlament, tief ins soziale Netz einzuschneiden. Sogar Gesetze werden schon beschlossen. Alle fragen sich, wie konnte Tsipras das machen? Gegen die Meinung des eigenen Volkes! Auch wir bei Tosulit fragten uns das. Heraus kam eine Art Traum. Zusammenhangdeuter wie wir dürfen uns sowas noch erlauben.

 

Alexis hat die Wahl gewonnen. Er macht wieder eine Regierung mit den Unabhängigen Griechen. Dann wartet er eine möglichst hohe Teilzahlung der EU ab. Die 86 Milliarden werden ja häppchenweise rübergeschoben. Tsipras kassiert und sagt artig danke. Dann tut er etwas, das es in der Postdemokratie nicht mehr gibt. Er hält ein Wahlversprechen und sagt: „Liebe EU, vielen dank auch. Das Geld behalten wir jetzt und zahlen es nicht an Eure Banken zurück. Alle im Sommer beschlossenen Gesetze betrachten wir mal als Sommermärchen. Die Drachme wird als Zweitwährung für den Binnenhandel eingeführt. Wenn Ihr uns aus dem Euroraum ausschließen wollt, dann macht das mal. Wir sind gespannt, wie Ihr das hinkriegt.“ Ein großer Teil des gerade frisch gezahlten EU-Geldes steckt Syriza ins Gesundheitssystem. Alle Griechen werden wieder krankenversichert. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wird eingeführt, das den Lebensunterhalt sichert. Investitionen fließen in Tourismus, Energie- und Landwirtschaft. Für die Flüchtlinge wird ein menschenwürdiger Korridor nach Mazedonien aufgebaut. Ab Athen gibt es aber auch günstige Flüge in die EU. Mit Moskau und Peking sowie den übrigen BRICS-Staaten beginnen Verhandlungen für Investitionshilfen. Auch der IWF ist im Gespräch. Hatte der sich doch aus dem dritten Rettungspaket der EU herausgehalten. Am 20. Oktober hält Tsipras seine erste Aufbruchrede. Er sagt den Europäern, dass er ihr Spardiktat nicht länger verantworten kann. Alle europäischen Wähler lädt er ein, in ihren Ländern ähnliche Entwicklungen zu ermöglichen. Die Griechen ruft er auf, alle mit anzupacken. Das Land soll einfach menschenfreundlich werden. Die drei Wirtschaftszweige Tourismus, alternative Energie und Landwirtschaft sollen Löhne zahlen, die zum Leben reichen. Das griechische Militär wird zügig halbiert. Überflüssiges Gerät wird verkauft. Die Börse ist geschlossen. Griechenland entkoppelt sich von den internationalen Finanzmärkten. Das Begleichen der Staatsschuld wird bis auf weiteres ausgesetzt. Das Dublin-III-Abkommen wird für ungültig erklärt. EU- und NATO-Mitgliedschaft bleiben vorerst bestehen.

 

Auf diese Weise bekommt Tsipras‘ Wende im Juli einen Sinn. Er hat die Europäer getäuscht. Alle sind sie hereingefallen auf den griechischen Trick. In Brüssel, berlin und überall waren sie sehr beschäftigt mit dem Flüchtlingsansturm. Jetzt sind sie völlig ratlos. Das mühsam zusammen gezimmerte Finanzhaus zerbricht. „Scheiter der Euro, scheitert Europa.“ Dieser Satz der Frau Dr. Angela hängt wie eine böse Ahnung in der Luft. Plan- und Hilflosigkeit werden offenkundig. Allerorten. Banken geraten ins wanken. Sollen sie wieder „gerettet“ werden? Der Eurokurs sinkt unter den des Dollar. Die Amis werden sauer, weil ihre Exporte plötzlich so teuer sind. Erst recht sind sie sauer, weil noch andere europäische Regierungen beginnen, wieder mit Moskau zu reden. Vor allem auch, damit die Russen helfen, den Konflikt in Syrien vielleicht zu lösen. China beginnt, Geld aus den USA abzuziehen und in Griechenland zu investieren. Es geht auf Weihnachten zu. Ein Gespenst geht um in Europa. Es ist weder Santa Claus noch das Christkind. Es ist der Gedanke der Menschlichkeit, der in den Vordergrund strebt und zur Grundlage allen Handelns zu werden droht. Eine Drohung nur für die Postdemokraten und Wirtschaftsgläubigen, nicht für die Menschen.

 

Das ist der griechische Trick, an den zu glauben wir uns heute Morgen mal erlauben.

 

Auch möchten wir uns an dieser Stelle erlauben, einen Text von Marga Diamant zu bringen. In der Hoffnung, dass das Urheberrecht nach drei Monaten nicht mehr so streng ist. Denn Diamants Text richtet sich direkt ans Herz der Menschen. Was Marga schreibt, ist ein guter Grund, sich die Menschlichkeit als Grundlage allen Handelns zu wünschen. Vielleicht zuerst in Griechenland. Dann aber auch im Rest Europas.

 

 

Leben am Rande des Abgrunds

 

Schon mehrere Male hat die Deutschlehrerin Marga Diamant über ihren Alltag in Griechenland berichtet. Hinter den Zahlen, die zwischen Athen und Brüssel verhandelt werden, verschwinden die Menschen. Ein SOS-Ruf von Marga Diamant

 

Erschienen in Christ & Welt am 26. Juni 2015, 09:46 Uhr

 

Ich bin erschöpft. Nach den Wahlen hat uns eine zugegebenermaßen naive Hoffnung aufgerichtet. Wir lachten wieder, sagten uns, vielleicht geht es jetzt endlich aufwärts. Nein, nicht mit Griechenland als Ganzem, sondern dass wenigstens der ganz normale Alltag wieder halbwegs funktioniert. Doch jetzt ist sie wieder da, diese schleichende Depression, und ich sehne mich fast schon nach der Zeit, in der ich über die übliche Steuerlast meckern konnte, in der es mir aber trotzdem noch möglich war, meiner Tochter unter die Arme zu greifen. Sie arbeitet fast rund um die Uhr in einer Hotelanlage für ein so geringes Gehalt, dass sie wieder bei uns einziehen musste.

Mir fehlt der alte Freund, der vor einem Jahr Selbstmord beging, weil er seiner Familie nicht mehr in die Augen sehen konnte vor lauter Schulden. Die Banken hatten ihn ermutigt, immer weitere Kredite aufzunehmen, um alte Kredite zu tilgen, ein Teufelskreis. Meine Freundin Petroula schuldet den Banken inzwischen 50.000 Euro. Um ihr Haus fertigbauen zu können, nahm sie Kredite auf. Dann wurde sie arbeitslos. Inzwischen haben die Zinsen die Schulden auf 120.000 Euro anwachsen lassen. In ihrem Briefkasten liegen immer wieder neue Kreditangebote derselben Bank, die durch eine Inkassofirma fast wöchentlich die Schulden telefonisch einzutreiben versucht. Sie ist verängstigt. Mit ihren 58 Jahren ist es so gut wie aussichtslos für sie, wieder Arbeit zu finden. Doch bevor die Banken auch nur einen Euro erstattet bekommen, bedient sich erst einmal der Staat. Er hat Vorrecht. Zum Glück darf Petroula noch in ihrem Haus bleiben, solange sich kein Käufer findet. Der Strom ist gesperrt, ihr Nachbar hilft ihr aus, Lebensmittel bekommt sie von uns, den Freunden. Viele Nachmittage stützten wir sie seelisch, wenn sie ankündigte, sich das Leben nehmen zu wollen.

Als meine inzwischen 96-jährige Mutter vor drei Jahren an der Galle operiert werden musste, war die Lage im Krankenhaus schon schwierig. Es gab weder Seife noch Toilettenpapier, und die Angehörigen mussten nachts die Patienten betreuen, sie waschen und ihnen die Infusionen anlegen. Ich hatte dazu weder die Zeit noch die Kraft und rief deswegen öfter den Notarzt. Der reagierte dann meistens sehr aggressiv, weil er eine ganze Station beaufsichtigen musste. Zuerst hatte der Staat die Ärzte und Krankenschwestern entlassen. Als Nächstes kamen die Lehrer dran. Immer traf es die niederen Ebenen, die am meisten gebraucht werden, die Putzfrauen zum Beispiel. Die Leiter von Ämtern und öffentlichen Einrichtungen blieben unbehelligt, obwohl sie doch ein Teil der Misere waren, da sie meist über Parteibeziehungen zu ihren Posten kamen.

Meine Familie und ich haben Tsipras gewählt, nicht weil er ein Linker ist, sondern weil er und seine nahen Mitarbeiter in keine schiefen Geschäfte verwickelt waren und wir dachten, dass er aufräumt mit diesen korrupten Zuständen, in denen sich ausländische Investoren und heimische Oligarchen bereicherten. Wir hofften auf Arbeitsplätze für unsere Kinder und eine bessere medizinische Versorgung. Wir hofften, dass der kleine Mann nicht mehr für die Geschäfte der Großen aufzukommen hat. Die Immobiliensteuer, die wir zu zahlen hatten, war so hoch, dass das Gehalt meines Mannes und große Teile meiner Entlohnung dabei draufgingen. Die Mieter unseres alten Hauses in Athen, das ich von meinem Vater geerbt habe, waren nicht in der Lage, die Mieten zu bezahlen, weil sie arbeitslos geworden waren. Ich brachte es nicht übers Herz, sie auf die Straße zu setzen. Als ich das Haus erbte, musste ich bereits eine exorbitante Erbschaftssteuer bezahlen, obwohl meine Tochter damals keine Arbeit hatte. Jeden Cent unserer Ersparnisse haben wir ausgegeben, um dieses einzige Haus nicht zu verlieren. Es wäre vom Staat beschlagnahmt worden, wenn nicht Tsipras an die Regierung gekommen wäre und diese ungerechte Besteuerung abgeschafft hätte. Noch immer bezahlen wir jeden Monat 800 Euro Stromsteuer. Jeder Eigentümer muss das bezahlen.

Die wirklich Reichen haben ihr Geld im Ausland gebunkert, niemand zieht sie bisher wegen Steuerhinterziehung zur Rechenschaft. Der vorige Finanzminister Giorgos Papakonstantinou erhielt ein Jahr auf Bewährung wegen seiner gut gefüllten Auslandskonten. Der andere Finanzminister, Gikas Chardouvelis, der die Griechen inständig darum gebeten hatte, ihr Geld nicht von den heimischen Konten abzuziehen, um die Wirtschaft nicht vollends zu ruinieren, hat seine Millionen in Einzeltranchen von 10.000 Euro nach England verschoben, weil solche geringen Beträge nicht zurückverfolgt werden. Als das vor zwei Monaten herauskam, besaß er auch noch die Unverfrorenheit, im Fernsehen zu erklären, er hätte wie jeder Grieche Angst gehabt und an die Zukunft seiner Kinder denken müssen.

Die vorigen Regierungen, die in den Wahlen unterlegen waren, setzten alles daran, die Bürger in Griechenland, aber auch im Ausland mit dem Grexit zu verunsichern, dessen Voraussetzung sie eigentlich zu verantworten haben. Dabei arbeiten sie Hand in Hand mit der Ex-Troika, der EU, allen voran mit dem deutschen Finanzminister. Er hält seinen neuen griechischen Kollegen für nicht satisfaktionsfähig, in den Medien wird das Image eines doppelt verschlagenen Griechen inszeniert, der darüber hinaus noch ein Chaot zu sein scheint.

Das Angstszenario des Grexit durchzieht unser gesamtes Leben. Wir fragen uns, wenn die Drachme kommt, reicht dann das Geld noch für den täglichen Lebensmittelbedarf, können wir dann noch die jetzt schon unerschwinglichen Arzneien kaufen? Wie teuer wird dann das Benzin? Wie viel wird die Milch kosten? Unsere Gehälter würden auf ein Drittel reduziert werden. Wer kann von 200 Euro pro Monat leben? Viele Rentner in Griechenland müssen von 300 Euro leben und wühlen in den Abfalleimern Athens nach Essbarem. Das Haus und die Familie sind in Griechenland die einzige Absicherung, es gab nie ein Sozialsystem, das mit dem deutschen vergleichbar wäre. Immer mehr meiner Bekannten können ihre Häuser nicht mehr halten und enden, wie es im Athener Stadtbild schon nicht mehr zu übersehen ist, verwahrlost auf der Straße. Die Solidarität unter den Griechen ist sehr groß, man bemüht sich, Unterkünfte für die Gestrandeten zu organisieren. Diesbezüglich sind wir fast ein wenig reicher geworden. Die antike Gastfreundschaft funktioniert noch. Aber es sind zu viele, die in Not geraten sind.

Die Kinder meiner Schule lächeln noch. Sie bekommen jeden Tag frische Früchte vom Obsthändler unserer Kleinstadt. Für jeden gibt es eine Banane, Orangen und Äpfel. Die Kinder freuen sich, denn jetzt ernähren sie sich gesünder als vor der Krise. Wir Lehrer haben es auf unsere Kosten geschafft, dass kein Schüler mehr vor Hunger in Ohnmacht fällt, zumindest nicht in der Schule. Der Bäcker spendiert Koulouria, Brötchen. Die Kinder schämen sich nicht mehr zu sagen, sie hätten kein Geld. Sie freuen sich auf die Ferien. Wir Lehrer fragen uns, ob dann für ihre Ernährung noch ausreichend gesorgt ist.

Der letzte Winter war sehr kalt. Die Schulen in Griechenland hatten kein Geld für Heizöl. Eltern und Gemeinden legten zusammen, und so konnte der Brennstoff gekauft werden. Dann kam die Grippewelle. Mich hat es auch erwischt, ein gefährlicher Virus. Mein Mann hat in Athen alle Apotheken abgeklappert nach ausländischen Antibiotika. Der Import ist zu teuer geworden. Wo soll die Preisspirale denn enden? Ein Liter Milch kostet inzwischen zwei Euro, Käse zwölf Euro, Öl und andere Grundnahrungsmittel sind auch sehr teuer geworden. Waschmittel sind doppelt so teuer wie in Deutschland. Das Benzin kostet 1,80 Euro pro Liter. Bei einem vergleichbaren Gehalt müsste eine Lehrerkollegin in Deutschland an der Tankstelle fünf Euro pro Liter bezahlen. Was für einen Aufstand würde es dann wohl in Deutschland geben? Dort gibt es ein gut funktionierendes öffentliches Verkehrssystem, das existiert bei uns nur in Athen, aber nicht im Umkreis. Viele meiner Freunde sind jetzt auf das Rad umgestiegen, aber Fahrradfahren ist in Griechenland sehr gefährlich, es gibt keine Radwege und viele Schlaglöcher, weil die Straßen nicht mehr repariert werden. Die attische Straße betreibt eine französische Firma. Diese Hauptverkehrsader in die City wird zwar in Schuss gehalten, die Mautgebühr hin und zurück aber kostet mich 5,60 Euro. Nicht bezahlbar.

Letzte Woche fuhr ich mit der S-Bahn nach Athen, die im Rahmen der Olympischen Spiele mit internationalen Geldern gebaut wurde. Zum Glück fahren noch die Züge, alles andere ist kaputt. Der Fahrstuhl funktioniert nicht, der Eingang ist marode, die Kacheln an den Treppenaufgängen sind lose oder heruntergefallen, beinahe wäre ich gestürzt. Die meisten Angestellten, die die Stationen warteten, selbst die Elektriker, wurden entlassen. Im Abteil saß eine Gruppe Roma, einem Mann fehlte ein Arm, einem anderen ein Bein. Kinder versuchten einem billigen Musikinstrument irgendwelche Töne zu entlocken. Ich versuchte mit ihnen zu reden, aber sie verstanden kein Griechisch. Eine ältere Dame, die mir gegenübersaß, mischte sich ein und sagte, diese „Zigeuner“ würden aus Rumänien stammen und in Egaleo leben. Sie betrieben Handel auf Märkten, hätten meist keine Papiere und seien sehr versiert im Betteln und Stehlen. Was sollen sie auch tun? Täglich strömen Menschen über Griechenlands Grenzen aus Albanien, der Türkei und Bulgarien ins Land auf der Suche nach Arbeit. Viele kommen zu Fuß, andere mithilfe von Menschenhändlern, ein Transfer nach Europa kostet die Flüchtlinge 1.000 Euro. Die griechischen Grenzposten sind nur noch selten mit mehr als ein oder zwei Zöllnern besetzt, auch hier hat der Personalabbau in den unteren Gehaltsgruppen seine Spuren hinterlassen.

Am Syntagma-Platz bin ich ausgestiegen, dort wo das griechische Parlament seinen Sitz hat. Ich ging die Ermou-Straße entlang, um zur Plaka zu gehen, wie die Altstadt in Athen heißt. Die Ermou-Straße ist eine unserer großen Einkaufsstraßen. Ich traute meinen Augen nicht. Jeder zweite Laden war geschlossen, in den Schaufenstern hingen Papiere, auf denen die Zwangsversteigerung angekündigt wurde, in den Auslagen standen verstaubte Vitrinen. Alle paar Meter bettelten normale Bürger, die auch meine Schulfreunde hätten sein können und die ich kaum noch wiedererkennen würde. Verschämt blicken sie auf den Boden, sie haben nichts mehr zu verlieren. Vor vier Jahren bewohnten sie noch ein Haus wie ich mit meiner Familie, nun essen und schlafen sie auf der Straße.

In Kolonaki, einem der vornehmsten Viertel Athens, in dem auch meine Freundin Eva wohnt, ist der Park zur neuen Bleibe für drei frühere Anwohner geworden. Sie nächtigen auf den Bänken und nutzen die kleinen Gartenanlagen für ihre Notdurft. Ihre ehemaligen Nachbarn bringen ihnen Essen aus den Tavernen. Einen meiner Bekannten, einen fröhlichen Musiker und Zecher, mit dem ich immer gerne ein Wort wechselte, fand man dort im Winter tot auf einer Bank.

Diejenigen, die noch ein Dach über dem Kopf haben und noch nicht von den Schulden erdrückt worden sind, leben in ständiger Erwartung der nahenden Katastrophe. Von morgens bis abends erreichen uns neue Horrormeldungen. Wir fühlen uns wie kleine Kinder, die etwas Furchtbares getan haben sollen, aber nicht wissen, was, und denen nicht geholfen wird. Unsere Häfen wurden an die Chinesen veräußert, den Flughafen kauften die Deutschen, die Autobahnen gingen an die Franzosen, zu Preisen, die nicht einmal ein Hundertstel der Zinsen unserer Schulden betragen.

Die Leute, die an mir vorbeigehen, sind nicht mehr meine Griechen. Sie starren auf den Boden, um nicht in Verlegenheit zu geraten, den Bettlern etwas geben zu müssen, wo sie doch selbst kaum noch etwas haben. Alle sind dunkel gekleidet, was für ein Kontrast gegenüber dem ehemals farbenfrohen Kleidungsstil meiner Landsleute, über dessen Geschmacksfreiheit ich früher gerne gespottet habe. Heute wäre ich froh, wenn sie wieder so grellbunt wären wie einst.

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