Ein Baby – das große Glück

Ich werde jäh aus einem koma-ähnlichen Erschöpfungsschlaf gerissen. Ein Baby schreit – direkt neben mir.
Ein paar Sekunden dauert es, ehe ich einigermaßen wach bin. Der Wecker zeigt 3 Uhr in der Früh. Um 1 Uhr bin ich ins Bett gefallen.
Das schreiende Baby ist mein Baby, meine sehnsüchtig erwartete Hannah.
Ein wunderbares Gefühl von Glück durchströmt mich kurz.
Sehr schnell weicht dieses Gefühl einer Kaskade von anderen Empfindungen.
Die Blase ist zum Platzen voll, die Narbe vom Kaiserschnitt schmerzt heftig, mein Kopf droht zu zerspringen, mein Gehirn ist wie in Watte gehüllt vom Schlafmangel.
Was zuerst? Zur Toilette gehen? Dann muss ich Hannah schreien lassen. Oder ihr zuerst die Brust geben? Dann klappt es nicht mit dem Stillen, weil ich so verkrampft bin. Also wanke ich irgendwie ins Bad, verfolgt vom lauter werdenden Gebrüll des hungrigen Babys. Schnell, schnell, damit sie sich nicht noch mehr aufregt. Zähne putzen? Womöglich sogar Kaffee trinken? Wird auf irgendwann vertagt.
Die Kleine ist inzwischen ziemlich außer sich und fängt wie verrückt an zu saugen. Dabei ist sie nicht zimperlich. Erstaunlich, wie viel Kraft ein 7 Tage altes Baby entwickeln kann. Meine Brustwarzen sind entzündet. Da hilft nur Zähne zusammenbeißen, denn trinken muss sie ja. Das Stillen hat den Nebeneffekt, dass sich die Kontraktionen im Unterleib verstärken. Klar, die Gebärmutter zieht sich wieder zusammen. Ist ja auch toll, aber es tut sehr weh.
Ein Gedanke durchzuckt mich. Hatten die im Krankenhaus nicht gesagt: „Immer vor dem Stillen wickeln“? Habe ich das jetzt falsch gemacht? Ist nicht mehr zu ändern. Den Grund habe ich sowieso nicht begriffen.
Die linke Brust ist leer, jetzt könnte ich es mit der rechten versuchen. Der Wechsel gefällt Hannah überhaupt nicht. Sie quittiert es mit lautstarkem Protest. Mühsam drehe ich mich herum und lege sie auf der anderen Seite an. Diese Seite ist nicht optimal, denn dort habe ich mehr Probleme mit der Narbe. Inzwischen sind meine Kopfschmerzen kaum noch erträglich. Ich habe großen Durst und erinnere mich, dass die im Krankenhaus geraten hatten, immer eine Wasserflasche oder ein großes Glas kalte Milch beim Stillen vorzubereiten. Habe ich vergessen. Wie soll man auch daran denken in einem Zustand von Schmerzen und Schlafmangel? Mich packt die Verzweiflung. Das kann man nicht schaffen. Nie. Und das hört jetzt nie mehr auf…
4 Uhr. Hannah scheint einigermaßen satt zu sein und wirkt zufrieden. Ich lege sie einen Moment aufs Bettchen, um wenigstens etwas zu trinken. Ich bin noch nicht in der Küche, als sie anfängt zu weinen. Sie quält sich jetzt offensichtlich mit der Verdauung. Ein wenig herumtragen, den Bauch massieren, vorsingen. So etwas hilft. Woher nur die Kraft nehmen? Von irgendwoher kommt sie, die Kraft. Nun ist das Wickeln angesagt. Wenigstens ist Hannah nun ruhig und lässt sich problemlos die Hose ausziehen. Als ich die verschmutzte Pampers zur Seite lege und nach der neuen greife, bekommt sie noch einmal einen roten Kopf und drückt ordentlich. Das Ergebnis landet auf dem Body, weil ich vergessen habe, das Rückenteil zur Seite zu schieben. Es ist zum Verzweifeln, denn nun muss ich sie auch obenrum komplett umziehen, was Hannah wiederum gar keinen Spaß macht. Sie schreit. Ich kann sie nicht beruhigen. Was hat sie bloß? Ich weiß es nicht, ich kann nicht mehr denken. Das einzige, was mir einfällt, ist, sie noch einmal an die Brust zu legen. Egal, wie weh es tut. Und siehe da, das hilft. Ich fühle mich wie ausgelaugt und mir laufen die Tränen runter. Vor Erschöpfung, vor Überforderung, vor Schmerzen, vor Angst.
Als Hannah endlich wieder fest schläft, ist es 5.30 Uhr. Ich lege mich neben sie und könnte nun auch noch ein wenig schlafen, aber in meinem Kopf drehen sich die Gedanken wie in einem Mühlrad. Sozialamt, Standesamt, Geburtsurkunde, Anmeldung bei der Krankenkasse. Elterngeld, Kindergeld, Negativbescheinigung für Mutterschaftsgeld. Termin beim Kinderarzt in vier Wochen. Hüftscreening. Kinderkardiologe. Tabletten mit Vitamin D. Es gibt keine Ruhe. Kaum ist sie auf der Welt, wird Hannah zum Objekt. Wie soll ich das schaffen? Ist das nicht alles viel zu viel, auch für Hannah?
Bilder von glücklichen Eltern mit lächelnden Babys auf dem Arm geistern durch mein Gehirn. Wie kommt es nur, dass die das alle so gut hinkriegen? Bin ich unfähig? Kann es sein, dass ich überhaupt nicht geeignet bin, ein Baby zu versorgen? Habe ich mir nicht viel zu viel zugemutet?
Und dann sehen die immer alle so glücklich aus. Ich müsste doch auch glücklich sein. Das muss man doch sein, oder? Aber gerade jetzt empfinde ich gar nichts – nur Leere. Und Schmerzen. Wo ist es, das große Glück? Die Hebamme sagt, alles wird jeden Tag ein wenig besser und ein wenig leichter. Wenn ich doch nur einschlafen könnte…

Und trotz allem, ab und zu, wenn Hannah so friedlich und vertrauensvoll neben mir liegt, ist da wieder ein kurzer Moment des puren Glücks.

Zwei Stunden später:
Ich werde jäh aus einem koma-ähnlichen Erschöpfungsschlaf gerissen. Ein Baby schreit – direkt neben mir.

 

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Eine Antwort zu Ein Baby – das große Glück

  1. Petra schreibt:

    Was für ein trauriger und deprimierender Bericht. Sieht so heute der Start eines Kindes ins Leben aus? Als ich 1981 mein erstes Kind bekam, zahlte die Krankenkasse noch 10 Tage Wochenbett im Krankenhaus. Mit Vollpension und Rundumversorgung durch Schwestern und Ärzte inklusive Rooming-in.

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