Der innere Kompass

Blindenfußball stößt in der Öffentlichkeit, bei Freunden und Bekannten auf sehr großes Interesse. Offenbar löst der Begriff eine gewisse Vorstellung darüber aus, was die Blinden dort treiben. Eine der ersten und damit wohl brennenden Fragen lautet dann gewöhnlich: Wie bewegt ihr euch auf dem Feld? Zählt ihr die Schritte? Habt ihr Helfer?

Auch eine der beiden Fragen, die dem deutschen Blindenfußballmeister aus Marburg im Aktuellen Sportstudio am 31. Mai 2008 gestellt wurden, hatte dies zum Inhalt. Cheftrainer Peter Gössmann beschrieb, dass der eigene Torwart, der Trainer an der Mittellinie und der Rufer hinter des Gegners Tor den Spielern Anweisungen zurufen. Damit war das Publikum, damit war die Moderatorin zufrieden. So kann man sich das vorstellen.

 

Doch halten wir mal einen Moment inne und überlegen uns dies genau. Vergegenwärtigen wir uns, dass Fußball ein Laufspiel ist. Am schnellsten läuft der Ball. Ständig ändert er seine Richtung – prallt hierhin, springt dorthin. Ist es da wirklich denkbar, dass hierbei nur auf Anweisung hin ein flüssiges Spiel entstehen kann?

Die Information hat einen langen Weg. Der Trainer sieht den Ball in Richtung eigenes Tor rollen, setzt dies um und ruft seinem Verteidiger zu. Der hört den Ruf, setzt die Worte um und sich in Bewegung. Ist der Ball nicht vielleicht längst an ihm vorbei – mit dem Stürmer? Es ist offenkundig, dass es so nicht sein kann.

 

Wählen wir einen Denkansatz, der dem Sehenden nicht so eingängig ist, kommen wir der Realität sehr schnell sehr viel näher. Grundsätzlich muss dem blinden Feldspieler die Fähigkeit in die Wiege gelegt sein, sich auf einem abgegrenzten Feld völlig selbständig zu bewegen. Diese Fähigkeit ist naturgemäß unterschiedlich stark ausgeprägt. Sie muss bei weniger talentierten Spielern ein Schwerpunkt in der ersten Übungsphase ihrer Karriere sein. Dem Feldspieler sollte in jeder Spielsituation zumindest bewusst sein, in welchem Quadranten des Feldes er sich aufhält und in welche Richtung er schaut. Eine Art innerer Kompass liefert diese Informationen. Diese „Grunddaten“ müssen unterbewusst klar sein, um darauf aufbauen zu können.

 

In einer Defensivphase, nach Ballverlust, nimmt das Team häufig eine zuvor festgelegte Formation auf dem Feld ein. In diesem Moment stimmen sich die Feldspieler zusammen mit dem Torwart ab, um auf dem Feld und zueinander optimal zu stehen. Die Spieler dienen sich gegenseitig als akustisches Leuchtfeuer. Verbale Information wird nicht ausgetauscht. Die Verteidiger hören bspw., ob sie auf einer Höhe stehen. Lediglich der Torwart sieht Feinheiten oder Besonderheiten in der gegnerischen Formation, auf die er sein Team hinweisen kann. Er kann daher auch verbale Information vermitteln. Greift nun noch der Trainer von der Seite her mit Anweisungen ein, ist die Grenze des Aufnehm- und in Sekundenschnelle Verwertbaren erreicht. Ein „sehender Hinweis“ sollte eigentlich genügen. Je präziser der Feldspieler aus sich heraus die korrekte Position einnehmen kann, umso weniger Informationen von außen sind nötig. Die Abwehrformation ist schneller gefunden und die Aufnahmefähigkeit des Aktiven weniger belastet.

 

Kehren wir zum Gedanken an Fußball als bewegungsintensives Spiel zurück. Zentrales akustisches Signal ist das Rasseln des Balles. Ohne die Kenntnis seines Aufenthaltsortes ist der Feldspieler hilflos. Deshalb kommt der Konstruktion seines Klangsystems eine entscheidende Bedeutung zu. Gerät die Kugel nun in den Aufgabenbereich eines Feldspielers, weiß dieser, was er zu tun hat. Er greift den Gegner an, versucht den Ball abzufangen oder ihn zu führen. Unbedingt zu vermeiden ist nun, dass zwei Spieler derselben Mannschaft sich um den Ball bemühen. Dies gewährleistet die Aufgabenverteilung, vor allem aber die Kommunikation untereinander. Durch den Ruf „hab“ signalisiert der Spieler, dass er den Ball unter Kontrolle hat. An der Bewegung der Signale des wiederholten Rufes „hab“ und der Ballrassel können seine Mitspieler erkennen, wohin der eigene Mann läuft. Sie erfüllen nun die Aufgabe, den Weg freizuhalten und sich selber in günstige Position zu bringen. Gelingt ihnen dies, rufen sie „gib“. Der Ballführende hat nun die Möglichkeit, den Nebenmann zu bedienen. Wiederum soll von außen nur sparsam eingegriffen werden, denn ein Übermaß an akustischer Information blockiert den eigenen Spielzug. Gezielte und kurze Hinweise zur Optimierung der Situation sind möglich.

 

An dieser Stelle wird ein weiterer großer Unterschied zum sehenden Fußball deutlich. Der Blinde erhält seine Informationen lediglich über einen Kanal – das Gehör. Der sehende Fußballer hat zwei Kanäle zur Verfügung. Der akustische ist frei für Anweisungen oder andere Rufe. Überflüssige akustische Informationen belasten den einen Kanal des Blindenfußballers unnötig, hindern ihn an der optimalen Informationsaufnahme.

 

Dies muss auch der Rufer beachten, wenn der Ball in die Nähe des gegnerischen Tores gespielt wird. Der Stürmer ist mit dem Ball, dem Gegner und dem Druck beschäftigt, den Ball aufs Tor zu bringen. Nur wenig Kapazität bleibt für die Hinweise des Rufers. Deshalb müssen auch diese kurz und präzise sein.

 

All dies wird untermalt von dem ständigen „voy“, das über den Platz schallt. Dieser vorgeschriebene Ruf, auf dessen Bedeutung an anderer Stelle eingegangen wird, ist sozusagen das menschliche Pendant zum Rasseln des Balles und allgegenwärtig.

 

Hinzu kommt das Geräusch plaudernder Zuschauer oder anderer Umgebungsgeräusche des Freiluftplatzes. Diese fließen ebenfalls über den Hörkanal in die Wahrnehmung des Spielers ein.

 

Führen wir uns die Vielfalt der einströmenden hörbaren Reize vor Augen, wird deutlich, dass das Fassungsvermögen des Spielers bis an seine Grenze ausgelastet ist. Je besser es ihm gelingt, viele Entscheidungen aus eigenem Antrieb, unterbewusst zu treffen und daraus seine Aktionen abzuleiten, umso entlasteter ist sein Gehör. Der innere Kompass ermöglicht somit nicht nur schnelleres, sondern auch optimiertes Handeln. Er schafft Freiraum für Hinweise von außen. Zusätzlich motivieren erfolgreiche eigene Aktionen den Spieler wesentlich mehr als angesagte, sozusagen angeleitete Aktionen.

 

Die Vorstellung von blinden Feldspielern, die von ihren sehenden Helfern quasi per Fernsteuerung über den Platz gelenkt werden, mag für eine oberflächliche Erläuterung des Spiels völlig ausreichen. Sie stellt Interessenten, die es nicht so genau wissen wollen, mit der erwarteten Antwort zufrieden. Einer genaueren Betrachtung oder gar der Konzeption eines eigenen Mannschaftsspiels hält sie nicht stand. Die Ausbildung eines jeden Feldspielers zu einem eigenständig agierenden Teil des Teams ist außerordentlich wichtig. Vereinfacht gesagt soll Ziel der Übungen eines Teams sein, dass es grundsätzlich mit Torwart und Rufer auskommt, die nur „hier“ rufen und dadurch lediglich als akustische Leuchttürme dienen.

 

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