Gruppenrituale

Rob16 ist nun schon ein paar Tage auf der Erde. Inzwischen hat er sich in irgendeinem Büro den Kalender gescannt. Deshalb weiß er genau, dass heute Samstag ist. In diesem Büro hatten sich drei Leute darüber unterhalten. Irgendwie freuten sie sich ganz besonders auf diesen Tag. Rob16 konnte nicht genau verstehen, worum es ging. Denn in diesem Büro arbeitete so ein Laserdrucker, der seine Elektronen zum Vibrieren brachte. Irgendeine Strahlung muss der aussenden. Deshalb floh Rob16 sehr schnell durch das gekippte Fenster.

Er hatte die Nacht draußen auf einer Fensterbank verbracht. Durch die fast geschlossenen Vorhänge hatte Rob sehr merkwürdige Vorgänge beobachtet. Bild- und Tonaufzeichnungen liegen erstmal auf Memory. Sie müssen später ausgewertet werden. Heute morgen strahlt wieder eine warme Sonne vom Himmel. Nach der Ruhepause fühlt sich Rob sehr tatendurstig. Aber fühlen kann er doch gar nicht? Das verwirrt ihn und so schiebt er es in den no go-Speicher. In diesem Hörde ist es wirklich nett. Da haben sie an manchen Ecken so Häuschen mit einem Fenster. Durch das Fenster unterhalten sich die Menschen. Drinnen steht meist eine Frau und reicht den Männern vorm Fenster ab und zu Flaschen heraus. Heute stehen ganz besonders viele Männer vorm Fenster. Sogar ein paar Frauen sind dabei. Irgendwas ist merkwürdig. Dass sie die Flaschen nehmen und ziemlich schnell austrinken nicht. Das kennt Rob schon. Allerdings eher abends als morgens. Dies ist eben so ein Bedürfnis der Biologischen. Heute sind alle ganz fröhlich. Ja, das könnte es sein. Sonst erzählen sie sich gegenseitig oft, wie schlecht die Welt ist. Heute sprechen sie häufig in Zahlen. Von 2:0 oder 3:1 ist da die Rede. Eine brüllt sogar 5:1! Da lachen die Männer und klopfen der Frau auf die Schulter. Nur wenige, denn die meisten haben gar keine Hand frei zum Klopfen. Mit Flasche und Zigarette sind sie ausgelastet. Das ist eben der Nachteil der Biologischen. Rob16 kann sich so viele Hände anschrauben wie er braucht. Dann geht ihm ein Licht auf! Die sehen heute alle so gleich aus. Alle sind gelb. Sonst tragen die Menschen immer unterschiedliche Farben. Ob heute Sonnentag ist? Nein, der ist erst morgen. Autos fahren vorüber und hupen. Obwohl niemand auf der Straße steht oder geht. Manche schütten ihre halb geleerten Flaschen über ein vorbei fahrendes Auto. Vermutlich, um es zu waschen. Robs Memory-System läuft langsam heiß wegen dieser vielen Verhaltensweisen, die er noch nie gesehen hat.

Wenn sie gerade eine Hand frei haben, nehmen sie ihr Smartphone in dieselbe. Die Dinger, die eigentlich angelötet sein müssten. Die Menschen gucken doch sowieso dauernd darauf. Einer ruft „Anpfiff“ und alle reichen Münzen und scheine über den Thresen, nachdem sie sich noch ein paar Flaschen in die Taschen gesteckt haben. Jetzt laufen alle zur U-Bahn. Das kennt Rob schon. Vermutlich fahren sie jetzt zur Arbeit. Wie gestrn und vorgestern. Oder zu diesem komischen Jobcenter, das Rob auch noch nicht durchschaut hat. Ganz schön voll heute in der Bahn. Gut, dass Rob seine Batterien aufgeladen hat. Denn bald muss er sein Antigravitationssystem zusätzlich zum Unsichtbarkeitsschirm aktivieren und unter die Decke schweben. Unten ist kein Platz mehr. Doch alle, die nicht reinkommen, bleiben fröhlich. Ganz anders als sonst. In der Bahn singen die Menschen sogar. Das ist neu. Leider versteht Rob den Text nur schlecht. Er geht etwa so: „Wir rufen Norbert, Norbert, Norbert Dickel. Wir lieben ihn, den Held von Berlin“. Rob hat keine Zeit, in seinem Speicher nach Norbert Dickel zu forschen. An irgendeiner Haltestelle steigen dann alle aus. Wirklich alle. Hier war Rob noch nie. Ob die samstags alle hier arbeiten?

Kann sein. Sie laufen auf ein riesiges Gebäude zu. Naja, nicht alle. Manche gehen auch in die Büsche. “Um dat Bier wechzubringn!“, rufen sie. Dabei haben sie gar keines mehr in der Hand. Doch bald kommen Buden mit neuem Bier. Diese Flüssigkeit muss Rob mal analysieren. Die scheint wichtig zu sein. Weiter hinten sieht Rob eine Menge Polizisten. Die kennt er schon. Die sind dazu da, um mit Knüppeln auf Menschen zu hauen. Ein bisschen sehen die auch aus wie Roboter mit ihren Helmen. Die gefallen Rob ganz gut. Nur das Hauen mag er nicht. Diese hier sind auch ganz friedlich. Nur als eine Gruppe blauer Männchen vorbeikommt, ziehen sie ihre Knüppel. Es bleibt aber ruhig.

Auf dem Rücken haben die Gelben Nummern und Buchstaben. „Reusi“ liest Rob16. Nein falsch, wenn der Punkt unten ist, ist das ein Ausrufezeichen. Also „Reus!“ soll das heißen. Eine etwas breite Frau hat „lovely matsi“ ohne Nummer geschrieben. Richtig, hier ist das ein „i“, weil der Punkt oben ist. Vorne auf ihrem Shirt ist ein Bild. Das kann Rob aber nicht erkennen, weil die Frau so ausgeprägte Rundungen hat. In der einen Hand hält sie eine Flasche und in der anderen einen schwarzen Stift. Immer, wenn einer mit dem Schriftzug „Kevin“ vorbeikommt, streicht sie das durch und kreischt: „Der is doch in Besiksas und darf gar nich spieln“! Manche lachen, andere schütten ihr Bier über die Frau. Dann lacht sie auch.

Rob16 kommt an ein hohes Gitter. Darin ein Törchen und Wachleute davor. Die Wachleute tasten die gelben Männchen von oben bis unten ab. Genau das hatte Rob gestern in dem Zimmer beobachtet, auf dessen Fensterbank er ausruhte. Da waren es ein Mann und eine Frau, die sich gegenseitig abtasteten. Hier tastet ein Mann und der andere macht nichts. Also ganz das Gleiche ist es doch nicht. Aber wenn gleich die dicke Frau kommt? Robs Sensoren sind aufs Äußerste gespannt. Gestern Abend erlebte er nämlich eine der größten Enttäuschungen seines Besuches auf der Erde. Die beiden in dem Zimmer hatten alles abgelegt, das auch nur entfernt nach Mechanisierung aussah. Sogar ihre kleinen Bildschirmgeräte hatten sie ignoriert, obgleich die piepten und blinkten. Und dann noch ihre sogenannte Kleidung, die Rob völlig überflüssig findet, haben sie abgelegt. Was heißt gelegt? Geworfen – gerissen! Was danach geschah, hat Rob direkt seinem Memory-System zugeleitet. Das will er auf dem Heimatplaneten sofort der großen Analyse-Anlage übergeben. Die dicke Frau kommt, der Mann tastet … und … und sie geht weiter. Der Ordner tastet am nächsten Gelben herum. Rob16 ist sehr erleichtert. Er schwebt über das Gitter.

Das ist ein seltsames Gebäude hier. Mit kaputtem Dach! Und ohne Innenwände! Nur Stühle aus Plastik. Darauf setzen sich die gelben Männchen, nachdem sie noch ein paar Bier mitgenommen haben. Die Bierbecher gibt es in besonderen Ecken. Alle blicken auf den Innenhof. Der besteht fast nur aus Rasen mit komischen weißen Linien darauf. In Rob16 leuchten rote Lampen auf. Ein Summton ertönt. Sensoren überlastet. Rob schwebt auf den Rasen. Der ist leer. Hier ist er sicher. Seine Systeme fahren für eine Ruhepause herunter. Nur sehr gedämpft nimmt Rob16 Geschrei und Getöse wahr.

Als Rob erwacht, kugelt er gerade über die Wiese. Irgendwas hat ihn getroffen. Halbnackte Menschen rennen um ihn herum. Etwas Rundes hatte ihn erwischt und umgeworfen. Soviel haben die noch schwach laufenden Sensoren mitgekriegt. Schnell aktiviert Rob wieder sein Antigravitationssystem und schwebt empor. Da erwischt ihn dieses runde Ding fast nochmal. In zehn Metern Höhe wähnt der Roboter sich sicher. Plötzlich rennen auf der Wiese gelbe und blaue Männchen herum. Sie schupsen und treten sich. Manchmal pfeift einer. Der ist rot gekleidet. Dann werden alle langsamer. Ab und zu stellen sie sich dann in einer Reihe auf. Einer von der anderen Farbe schießt dann mit dem Ball auf sie. Dass dies ein Ball ist, hat Rob16 inzwischen seiner Grundprogrammierung entnommen. Im Schutze seines Unsichtbarkeitsschirms sinkt der Roboter etwas tiefer, um zu hören, was die Menschen sich zurufen. Ein Pfiff und da trifft ihn dieser blöde Ball schon wieder. Fast stürzt Rob ab. Der Ball fliegt in ein Gestänge, an dem ein Netz hängt. Ein Mann mit Handschuhen, dem offenbar kalt ist, springt hinterher. Er kriegt den Ball aber nicht. Plötzlich ein Riesengeschrei. Alle gelben Männchen hüpfen auf den Stühlen. Dass der Ball mitten im Flug eine unmögliche Richtungsänderung machte, wird erst abends mit Unmengen von Zeitlupen diskutiert. Jetzt singen und hüpfen die gelben Männchen aber erstmal wie verrückt. Rob wird richtig angesteckt von dieser Freude. Er schwebt zur Tribüne und hüpft unsichtbar mit. Eine Bierdusche legt fast alle seine Systeme lahm. Doch zum Glück hat er ein Selbstreinigungsprogramm. Das Wasser-Bier-Gemisch ergießt sich auf die dicke Frau, die wir schon kennen. Die blickt sich um und wundert sich, woher das kam. An der Stelle hat gar keiner einen Becher in der Hand.

Im Laufe der nächsten halben Stunde versucht Rob16, den Ball nochmal in dieses Gestänge abzulenken. Es gelingt ihm nicht. Die Männchen auf dem Rasen schupsen und treten sich jetzt wie verrückt. Der Ball fliegt andauernd zu den Zuschauern. Irgendwann sind die Halbnackten müde und gehen weg. Die Gelben sind nicht müde. Jetzt vollziehen sie sehr unterschiedliche Rituale. Es bilden sich zwei Schlangen. Eine vorm Bierstand. Das wundert Rob überhaupt nicht. Aber auch eine vor Türen, die ins Innere des Hauses führen. Warum gehen die nicht einfach alle rein? Als Rob sich der Tür nähert, blinkt ein rotes Lämpchen wie wild. Gasalarm. Schnell entfernt sich unser Beobachter von dieser ominösen Tür. Alle Menschen sind irgendwie hektisch. Sie versuchen, so schnell wie möglich wieder zu ihren Stühlen zu kommen. Auf einmal sind auch die Halbnackten wieder da.

Das Gerenne, Geschupse und Getrete geht weiter. Der rote Mann pfeift andauernd. Manchmal wedelt er mit bunten Papierstückchen in der Luft herum. Wieder versucht Rob16, den Ball in dieses Netz zu befördern. Als irgendwann ein Gelber den Ball zurück zu seinem frierenden letzten Mann kullert, schupst Rob die Kugel einfach in eine Ecke des Gehäuses. Der Behandschuhte springt noch verdutzt hinterher. Er kriegt den Ball aber nicht. Doch Robs Erwartung wird enttäuscht. Keiner jubelt und hüpft. Nur in der anderen Ecke des Gebäudes ein paar blau gekleidete Leute. Die hatte unser Roboter bislang gar nicht bemerkt. Warum jubeln die Gelben jetzt nicht? Rob hat doch genau das Gleiche gemacht wie vorhin.

Das Notprogramm greift ein. Rob16 hat sich zu sehr eingemischt. Dabei hat er nur wenig Freude hervorgerufen. Blitzschnell wird er zurück in seinen Weltensucher geholt. Ruhe und eine gründliche Prüfung aller Systeme sind nötig. Bevor er endgültig in den Schlafmodus versetzt wird, berührt Rob16 mit der Greifklaue nachdenklich seinen Kopf. Die Geste, die er sich abgeschaut und angewöhnt hat. Die stelle, die Rob berührt, ist schon ganz blank poliert. Es senkt sich elektronische Ruhe über unseren kleinen Helden.

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