Der universelle Feldspieler

Einleiten möchte ich dieses Kapitel mit allseits bekannten Tatsachen. Sie sind deshalb wichtig, weil sie die erweiterten Anforderungen an den Feldspieler des Blindenfußballs bedingen.

Das Feld ist wesentlich kleiner. Maximal hat ein Spieler von Grundlinie zu Grundlinie vierzig Meter zurückzulegen. Realistisch sind es aber allenfalls dreißig Meter, denn niemand nimmt den Ball an der Grundlinie auf. Genauso wenig schließt jemand den Angriff auf der Torlinie des Gegners ab. Dreißig Meter sind von einem durchschnittlich schnellen Läufer in etwa fünf Sekunden zu überbrücken. Dies macht deutlich, wie klein der Wirkungskreis des Feldspielers ist.

Lediglich vier Feldspieler stehen auf dem Rasen. Die Aufgaben aber, die der Blindenfußball stellt, sind ähnlich umfangreich wie die im Fußball der Sehenden. Bei diesem aber können die Aufgaben auf zehn Köpfe verteilt werden. Dies ermöglicht eine höhere Spezialisierung. Der Blindenfußballer hingegen muss dem Ideal des universell einsetzbaren Feldspielers möglichst nahe kommen, um mehrere Aufgaben in sich vereinen zu können.

Die Abgrenzung zwischen den Anforderungen an den sehenden zu denen an den blinden Fußballer sind nicht scharf zu ziehen. Dies liegt gar nicht in der Absicht des Verfassers. Auch sollen diese Überlegungen nicht etwa Basis zu einer Wertung des einen oder anderen Sportlers sein. Sie dienen vielmehr als Anregung und vielleicht Grundlage für die Trainingsarbeit.

 

Im sehenden Fußball gibt es nach wie vor die Figur des klassischen Verteidigers. Häufig bringt er für diese Aufgabe bestimmte körperliche Eigenschaften wie Körpergröße und Athletik mit. Seine Aufgabe ist es grundsätzlich, die Gegner am Torschuss zu hindern.

Hierbei hilft ihm sein Körpermaß, die Lufthoheit im eigenen Strafraum zu behaupten. Ein gutes Stellungsspiel und Auge sowie Sprintvermögen auf den ersten Metern befähigen einen sehr guten Verteidiger, den Ball schon vor der Annahme durch den gegnerischen Stürmer zu erobern. Der durchschnittliche Verteidiger hingegen ist in der Lage, den ballführenden Gegner so zu bedrängen, dass er gar nicht oder nur bedingt in der Lage ist, den Ball positiv zu verwerten. Erfüllt ein Spieler all diese Anforderungen, kann er als einsetzbarer Verteidiger im sehenden Fußball gelten.

Mit Ausnahme der Gewinnung der Lufthoheit gelten diese Anforderungen auch für den Verteidiger des Blindenfußballs. Der Weg vor das Tor ist für den gegnerischen Stürmer nicht weit. Eine Balleroberung noch vor dem Stürmer ist ratsam. Oft gelingt dies nicht und der Verteidiger ist gezwungen, den Angreifer entsprechend zu behindern, um in Ballbesitz zu gelangen. Geschick am Ball ist hierfür nicht erforderlich, wohl aber die Beherrschung des eigenen Körpers. Nur so ist der Verteidiger in der Lage, den Wendungen des Stürmers zu folgen. Wird der Ball nun frei, bleiben eigentlich nur zwei ratsame Alternativen. Nach wie vor ist die Situation brisant. Entweder klärt der Verteidiger den Ball zum Eckstoß ins Toraus oder schlägt ihn mehr oder weniger planlos nach vorn. Die Alternative des Seitenaus steht ihm nicht zur Verfügung. Der Rückpass auf den eigenen Torhüter ist mangels Übersicht riskant. Wesentlich mehr Effizienz aber kann der Verteidiger an den Tag legen, wenn er den freien Ball für sein Team sichert und sich durch gekonntes Dribbling in Richtung des gegnerischen Tores Raum verschafft. Aus dieser Position heraus kann er den Ball entweder schnell in des Gegners Hälfte führen oder aber gezielte Pässe auf die sich meldenden eigenen Angreifer spielen.

Was also im sehenden Fußball nur ein guter Verteidiger erfüllen muss, wird von seinem Kollegen im Blindenfußball verlangt. Denn es sind zu wenige Aktive auf dem Feld, als dass reines Verteidigen nennenswerte Wirkung auf die gegnerische Mannschaft ausüben kann. „Blind“ nach vorn geschlagene Bälle gehen in den allermeisten Fällen wieder verloren.

 

Die Aufgaben des Mittelfeldspielers im sehenden Fußball sind vielfältig. Da gibt es die Abräumer vor der Abwehr, deren Hauptaufgabe darin besteht, Bälle abzufangen und in den eigenen Reihen zu sichern. Da gibt es die Hilfskräfte, die speziell dem genialen Spielmacher den Rücken frei halten und ihn von Defensivaufgaben entlasten. Diesem Spielmacher fällt die Aufgabe zu, entweder geniale Pässe in die Spitze zu spielen oder durch Dribblings Löcher in des Gegners Verteidigung zu reißen. Viele Spieler im Mittelfeld haben in Ansätzen mehrere dieser Aufgaben. Sie arbeiten nach hinten, dienen als Anspielstation zur Sicherung des Balles, greifen ins Sturmspiel bspw. durch Besetzen der Flügelposition ein. Besonders die sog. hängende Spitze erfüllt diesen letztgenannten Part.

Im Blindenfußball findet so gut wie kein Mittelfeldspiel statt. All die genannten Aufgaben sind zwar gegeben, können aber keinem Spieler zugeordnet werden. Allenfalls im System der Raute mögen die Rechts- und Linksaußen dem Typus des sehenden Mittelfeldspielers nahekommen. Der eben erwähnte Verteidiger aber durchläuft mehrere der genannten Aufgaben hintereinander. Ist er in der Lage dazu, kann er den Ball des Gegners abfangen und spielt somit Abräumer. Hat er den Ball erobert, ist er zunächst Hilfskraft im Mittelfeld, die den Ball durch Dribbling sichert. Kommt er dann über die Mittellinie in die Nähe der gegnerischen Verteidigung, muss er entweder Spielmacher oder Flügelspieler sein. In diesem Moment ist nicht nur körperliches Geschick, sondern auch gute Ballkontrolle gefragt. Zum Dribbling gehört eine sichere Ballführung. Der geniale Pass fordert Spielintelligenz, Übersicht und eben das Vermögen, den Ball gezielt zuzuspielen. Der Flügelspieler kann sich nur mit guter Ballkontrolle sowie Trickreichtum durchsetzen. In Sekundenschnelle werden dem Verteidiger im Blindenfußball viele Fähigkeiten des Mittelfeldspielers im sehenden Fußball abverlangt. Auch und gerade die Außen in der Raute sind diesem schnellen Rollenwechsel unterworfen.

 

Die Aufgaben des Stürmers erscheinen auf den ersten Blick nicht so vielfältig. „Er muss die Kirsche doch nur irgendwie reinmachen.“ Das aber genau ist die Schwierigkeit. Instinkt ist für den Angreifer unerlässlich. Er muss nicht nur mit den eigenen Kameraden, sondern auch mit des Gegners Abwehr spielen. Dies freilich in anderem Sinne. Im Zusammenhang mit gegnerischem Tor und eigenem Team muss er sich Freiräume suchen oder schaffen, um in Ballbesitz zu kommen. Besonders die Ballannahme ist für den Angreifer ein Hauptkriterium seiner technischen Fähigkeiten. Je schneller er den Ball sicher kontrolliert, desto eher kann er etwas mit ihm anstellen. Ballführung ist ein weiteres Kriterium. Weil der Raum aber in des Gegners Hälfte immer enger wird, muss diese mit großem Vertrauen und viel Mut gepaart sein. Der Stürmer soll in der Lage sein, sog. 1-zu-1-Situationen zu suchen und zu gewinnen. Nur dies schafft ihm den Raum zu Torschuss oder zum Bedienen eines Sturmpartners. Direkte Verwertung von Flanken bzw. Querpässen ist im Blindenfußball eher selten. Bedingt durch die andere Wahrnehmung ist der blinde Stürmer kaum in der Lage, scharfe Hereingaben zu verwerten, geschweige denn Flanken durch die Luft in Erfolg umzumünzen. So kommt er eher durch gewöhnliches Zuspiel oder eigenes Durchsetzen in erfolgversprechende Position. Jetzt sind zwei widerstreitende Fähigkeiten gefragt. Zum einen muss der Angreifer den unbedingten Willen enfalten, den Ball zu versenken. Zum anderen braucht gerade der blinde Angreifer ein hohes Maß an Ruhe, um den Ball gezielt zu spielen. Der erfolgreiche Stürmer vereinbart beide Fähigkeiten in Sekundenschnelle miteinander.

Die Aufgaben des Stürmers im Blindenfußball sind hiermit lange nicht erfüllt. Als Abfangjäger von Pässen und Abwürfen des Gegners reichen sie bis in die Sphäre des Verteidigers hinein. Zumindest aber als Abräumer und somit als defensivster Mittelfeldakteur muss der Stürmer fungieren. Gelingt ihm die Balleroberung, durchläuft er ebenfalls alle genannten Aufgaben der Mittelfeldspieler und kommt erst dann in seinen ureigenen Bereich.

 

Zu simpel wäre es nun zu sagen, der Blindenfußballer müsse einfach alles können. Dies wäre augenblicklich die Überforderung eines jeden Aktiven. Schwerpunktartig zu erfüllende Rollen fallen dem Spieler zum einen durch seine Konstitution, vielmehr aber noch durch seine Fähigkeiten und seine Mentalität zu. Dieser Schwerpunkt ist wichtig für den Aktiven als Ruhepol. In dieser Aufgabe findet er seine Stärken am ehesten wieder und geht optimistisch an deren Erfüllung. Jeder Spieler muss sich aber bewusst sein, dass das kleine Blindenfußballteam nur dann erfolgreich sein wird und schöneren Fußball zeigt, wenn er sich von seinem Ruhepol aus in neue Bereiche hinein entwickelt. Hilfestellung hierbei gibt ihm natürlich sein Trainer, der Bewährtes stärkt und Neues langsam an den Spieler heranträgt. Alle Feldspieler unterliegen dem gleichen Umfang an Aufgaben. Jeder steht vor der Herausforderung, sich über seine naturgegebenen Fähigkeiten hinaus zu entwickeln. Diese Tatsache sollte alle Beteiligten solidarisch lernen und sich gegenseitig motivieren lassen.

 

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