Politiker-Tourismus

Unsere Spitzenpolitiker gehen gern auf Reisen. Sigmar Gabriel war kürzlich erst in China und Teheran. Auch die Eröffnung des Suez-Kanals schaute er sich an. Angela Merkel flog nach ihrem Urlaub in den Alpen erstmal nach Brasilien. Dort treffen sie auf andere Politiker. Mit denen haben wir kein Mitleid. Die müssen von Berufswegen her unsere Staatsfrauen und –männer ertragen.

Versetzen wir uns nun aber mal in die Menschen, die in diesem „schmucken“ Baumarkt in Heidenau leben müssen. So ein Baumarkt scheint für eine Unterkunft nicht besonders geeignet zu sein. Das einzige, das er hat, ist Platz. Nun will aber wohl niemand ernsthaft mehrere hundert Menschen in einem großen Raum unterbringen. So teilen sie den großen Raum vermutlich mit dünnen Wänden in viele kleine. Sichtschutz ja, Schallschutz kaum. Und innenliegende Räume ohne Fenster, ohne Tageslicht und frische Luft? Wir wissen es nicht genau. Sanitäre Anlagen hält so ein Baumarkt auch nicht in Mengen bereit. Also Provisorien? Keine so schöne Vorstellung. Ob sie einen Baumarkt in Heidenau absichtlich gewählt oder keine andere Wahl hatten, wissen wir nicht genau.

Als der erste Bus in Heidenau ankam, war der erste Krawallabend gerade vorüber. Eine Ankunft in dunkler Nacht ist sicher kein Vergnügen. Immerhin verhüllt die Dunkelheit die Spuren der Krawalle weitgehend. Damit die Flüchtlinge aber wirklich wissen, dass es hier Menschen gibt, die sie nicht wollen, marschieren Nazis und Heidenauer am nächsten Abend gleich nochmal auf. Jetzt wissen alle bescheid.

Die Flüchtlinge stammen vermutlich zum Teil aus Kriegsgebieten. Ihre Gemütslage ist von daher – vorsichtig gesagt – nicht die beste. Sie haben eine lange, vielleicht auch gefährliche, Reise hinter sich. Was diese Menschen brauchen, ist Ruhe und Frieden. Das Gefühl, ein Dach über dem Kopf zu haben, etwas zu essen zu bekommen und medizinisch versorgt zu werden. Vielleicht gibt es sogar jemanden, der sich mal mit ihnen unterhält. Das wird gar nicht so einfach sein. Denn vermutlich kommen die Flüchtlinge in Heidenau aus ganz verschiedenen Ländern. All das gibt es am Anfang nicht. Vielmehr den Eindruck, dass sie unerwünscht sind.

Jetzt setzt eine Serie von Politiker-Besuchen ein. Das heißt, ein Haufen Leute kommt zum Baumarkt und manche von denen wollen sich mit den Flüchtlingen unterhalten. Ob die das wollen, ist egal. Die werden vermutlich kaum gefragt. Oder sie fühlen sich genötigt. Dolmetscher werden ja wohl dabei sein. Zumindest für die eine oder andere Sprache. Aber da kommt ja nicht nur ein Stanislaw Tillich mit Dolmetscher allein. So ein sächsischer Ministerpräsident bringt ja gleich eine ganze Entourage an Sicherheitsleuten und Journalisten mit. Auch andere sächsische Minister wollen sich nicht lumpen lassen und sind gleich vor Ort. Neben den persönlichen Sicherheitsleuten und den Journalisten laufen sicher auch viele Polizisten dort herum, um weitere Krawalle fernzuhalten. Hoffentlich ist für jede Sprache, die die Flüchtlinge sprechen, jemand da. Denn sonst erfahren die Menschen ja nicht, was um sie herum eigentlich passiert. Zur Ruhe zu kommen ist ausgeschlossen!

Denn am nächsten Tag kommt Sigmar Gabriel. Ob von den Flüchtlingen jemand weiß, wer das ist, lassen wir offen. Den Gesprächspartnern wird es hoffentlich gesagt. Worüber redet so ein Gabriel mit einem Syrer oder Afghanen? Konkrete Hilfszusagen kann er nicht machen. Spitzenpolitiker können im Einzelfall niemals helfen. Sigmar kann die Menschen willkommen heißen, denen seine Worte übersetzt werden können. Er kann ihnen sagen, dass er mit ihnen fühlt. Ob dies mehr hilft, weil er der Vizekanzler ist? Könnten so etwas nicht auch Menschen tun, die sich weiterhin um die Flüchtlinge kümmern? Die wiederkommen und mit zum Amt gehen oder Spielzeug für die Kinder bringen? Sigmar wird nicht wiederkommen. Für ihn ist dies einer der vielen Besuche auf seiner Reise durch Ostdeutschland. Zum Glück nimmt er seine Entourage wieder mit. Der helfende Mensch, der wiederkommt, hat diesen Anhang aus Sicherheitsleuten und Journalisten gar nicht.

Nach großen öffentlichen Druck fährt nun auch noch Frau Dr. Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Heidenau. Zum Glück wissen die Flüchtlinge vermutlich nicht, dass sie sozusagen gezwungen werden musste. Weil sie ja die Regentin ist, wird die Begleitmannschaft noch viel größer sein. Wieder Aufregung im Baumarkt und rundherum. Tillich kommt auch nochmal. Den kennen sie dann schon. Zur Ruhe kommen ausgeschlossen! Empathie für die Bedürfnisse der Menschen bei Merkel gleich null! Fühlt sie sich gezwungen, nun einmal ein Flüchtlingslager zu besuchen, dann hätte es auch ein anderes sein dürfen. Es gibt ja so viele. Eines, wo die Menschen schon länger leben und sich ein wenig gesammelt haben. So oder so ist zu hoffen, dass Frau Dr. Bundeskanzlerin nicht wieder ihre Art von Gefühlsausbruch kriegt wie beim palästinensischen Mädchen in Rostock.

Unser Bundespräsident Gauck hat da etwas mehr Empathie oder es war in Heidenau einfach kein Termin mehr frei. Er fährt nach Berlin-Wilmersdorf. Vielleicht sind dort Flüchtlinge, die schon länger angekommen sind.

Ich halte diese Politiker-Besuche für überflüssig. Vielmehr sollten sie das tun, wofür sie gewählt sind. Sich schnell überlegen, wie diese Menschen vernünftig untergebracht, versorgt und integriert werden können. Sie sollten aufhören, Stimmung im Volk zu machen bzw. im Falle unserer Frau Dr. Bundeskanzlerin sich darum kümmern, dass zum Beispiel ihr Minister de Maiziere damit aufhört. Inzwischen geht der ja „mit der ganzen Härte der Gesetze“ gegen die Nazis vor. Eine ganze Festnahme hat es gegeben. Der Gipfel zwischen Bund und Ländern zur Flüchtlingsfrage muss sofort vom 24. September vorverlegt werden. Wenn die lieben Politiker das geschafft haben, können sie sich um die Verteilung der Menschen in Europa kümmern. Auch die Fluchtursachen und wie sie auf die einwirken können, dürfen sie mal in den Blick nehmen. Es gibt also viel zu tun.

Weil dies so ist, mag ich diesen populistischen Tourismus nicht. Den gab es in diesem Jahr schon häufiger. Nach dem Terror in Paris im Januar und dann wieder nach dem Flugzeugabsturz in den Alpen. Da tauchen sie dann immer presse- und fernsehwirksam auf – dieselben Birnen. Mal betroffen, mal verständnisvoll, mal kämpferisch- je nach Anlass. Macht lieber endlich Eure Arbeit, für die Ihr gewählt seid und bezahlt werdet!

 

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