Ein Tag in der Notaufnahme (22.04.2015)

Es ist 12.30 Uhr, als mich der Anruf erreicht, meine Mutter sei nach einem Sturz in die Klinik eingeliefert worden. Besorgt und voller Ängste eile ich ins Krankenhaus.

Bei der Anmeldung erkundige ich mich, wo ich sie finde.

„Wie ist der Name? Nee, haben wir hier nicht!“

„Wie? Gestürzt? Ja, warum sagen Sie das denn nicht gleich. Dann ist sie natürlich in der Notaufnahme. Da hinten!“

Ich laufe schnell zur Anmeldung in der Notaufnahme.

Dort stehe ich vor einer Art Empfangstheke und warte darauf, dass die Mitarbeiterin geruht, den Blick vom Bildschirm zu lösen und mich zu registrieren. Was sie nach einer Weile tatsächlich tut. Ich trage mein Anliegen vor.

„Wie? Sie suchen Ihre Mutter?“

„Da müssen Sie meine Kollegin fragen. Da hinten!“ Die junge Dame deutet mit dem Kinn vage in eine Richtung.

Bei der Kollegin starte ich meinen dritten Versuch.

„Ihre Mutter soll in der Notaufnahme sein? Ja, dann muss sie doch hier sitzen!“ Ich mustere die zahlreichen Patienten, die sich hier versammelt haben. Menschen mit Verbänden, mit eingegipsten Gliedmaßen, mit Augenklappen, mit Krücken. Meine Mutter sitzt nicht dabei.

„Wie? Sie ist hier nicht? Das kann nicht sein. Ich habe sie doch auf meiner Liste!“

„Ach, wahrscheinlich da hinten. Gehen Sie mal da lang“. Sie zeigt auf eine Glastür.

Ich betrete einen langen Korridor.

An der linken Wand sind hinter einander etliche Betten mit Patienten aufgereiht. Zwischen einer alten Dame und einem jüngeren Mann erspähe ich meine Mutter.

 

Inzwischen ist es 14 Uhr. Sie liegt mindestens seit 1,5 Stunden hier. Bekleidet ist sie mit einer dünnen Stoffhose und Bluse. Sie friert schrecklich. Abwechselnd schimpft und weint sie vor sich hin. Ich organisiere als erstes eine Decke für sie, was einiges an Geduld erfordert. Denn niemand ist zuständig. Obwohl es auf dem langen Flur von Menschen wimmelt. Es ist ein einziges Kommen und Gehen, Betten werden von A nach B geschoben. Ärzte laufen mit wichtiger Miene vorbei. Pflegeschüler tragen irgendwelche Dinge hin und her. Es geht zu wie auf einer belebten Einkaufsstraße. Meine Mutter ist verwirrt und bittet jeden Vorbeikommenden flehentlich um Hilfe. Aufgrund einer Aphasie kann man sie nicht verstehen. Das spielt aber überhaupt keine Rolle, denn sie wird sowieso nicht registriert.

Auf dem benachbarten Bett sitzt ein junger Mann, der aus mehreren Gesichtswunden blutet. Ungläubig schaut er auf den immer größer werdenden roten Fleck auf seinem Hemd. Er bleibt unbeachtet.

Hinter ihm liegt eine verwirrte alte Dame, die sich komplett eingenässt hat, was jeder sieht und auch riecht. Sie wähnt sich zuhause und will unbedingt aufstehen, um ihren Sohn aus der Schule abzuholen. Auch sie findet keine Aufmerksamkeit. Einmal eile ich zu ihr, weil ich befürchte, dass sie über das Bettgitter klettert und fällt.

„Lassen Sie sie in Ruhe. Das Pflegepersonal hat gesagt, wir sollen ihr nicht helfen“, blafft mich die Angehörige einer weiteren Patientin an.

„Welches Pflegepersonal?“ denke ich und „wie kann man nur so mitleidslos sein“. Die alte Dame hat inzwischen meine Hand ergriffen und will gar nicht mehr loslassen.

Im Hintergrund in irgendeinem anderen Zimmer schreit jemand ganz laut ununterbrochen um Hilfe und nach seiner Mama.

 

16.00 Uhr. Eine Ärztin erscheint am Bett meiner Mutter.

„Was haben Sie denn gemacht? Sind Sie gestürzt?“

Meine Mutter entgegnet Unverständliches.

„Haben Sie Schmerzen?“ Die Reaktion der Ärztin auf die Aphasie-bedingten Kommunikationsprobleme ist lautes Schreien. Es folgt ein oberflächliches Abtasten auf dem überfüllten Flur. Anschließend eine Röntgenaufnahme.

Danach ist wieder Warten angesagt.

Um 18 Uhr, nach mehr als 5 Stunden seit der Einlieferung, steht ärztlicherseits fest, dass es keine nennenswerten Verletzungen gibt und meine Mutter entlassen werden kann. Wie hätte sie wohl mit einer Fraktur diese 5 Stunden hier überstanden?

Nun dauert es noch mal 45 Minuten, bis der Krankentransport für den Rückweg kommt. Von der Fahrerin des Krankentransports hören wir an diesem Tag die ersten freundlichen Worte.

Wer hier keine Angehörigen neben sich stehen hat (eine Sitzgelegenheit gibt es für die nicht), ist arm dran. Nicht mal etwas Wasser wäre zu bekommen. Ganz zu schweigen von anderen Bedürfnissen.

Als wir endlich diesem Chaos entrinnen dürfen, schaue ich mich noch einmal um. Der überfüllte Gang, die hilflosen unbeachteten Patienten, die völlig unbeteiligten Mitarbeiter der Klinik.

 

Wenn Sie jetzt meinen, dies sei ein Bericht aus dem Krankenhaus in einer afrikanischen Provinzstadt, dann irren Sie sich gewaltig. Sie können sich beglückwünschen, denn Sie haben wahrscheinlich lange Zeit kein deutsches Krankenhaus als Patient erlebt.

 

Um Missverständnissen vorzubeugen: es geht mir nicht darum, die Mitarbeiter der Klinik anzuklagen. Auch sie sind zu einem Teil Opfer dieses Systems.

Die Ökonomisierung des Gesundheitswesens hat ganz offensichtlich nicht nur in den Strukturen der Krankenhauswelt, sondern auch in den Herzen der Mitarbeiter Spuren hinterlassen.

 

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