Xaver enttäuscht

Wir haben Saure-Gurken-Zeit. Die SPD beschäftigt sich mit sich selbst. Ohne Regierung geht’s auch ganz gut. Die NSA forscht alles aus. Syrien zerfällt. Alles kalter Kaffee. Dies glauben wir, erleben wir die Berichterstattung am Donnerstag. Alle Themen weggeblasen durch Xaver.

 

Presse, Funk und Fernsehen sind begeistert! Nur schwach verbergen sie dies hinter mahnenden Worten. Da kommt ein toller Sturm. Zwei Tage wird er dauern und Geschwindigkeiten von 200 km/h erreichen. Hamburg droht eine Flut wie 1962 – mindestens. Etwas ernüchternd verläuft da manches Interview. ZumBeispiel mit einem Bewohner der Hallig Hooge, die wohl am schlimmsten betroffen sein wird.

Deutschlandfunk: Wie hoch wird das Wasser denn steigen?

Hallig Hooge: Ja so 3,50 Meter.

DLF: Und wie hoch sind Ihre Warften – also die Erdhügel, auf denen Ihre Häuser stehen.

HH: So zwischen zwei und zwei Meter fünfzig.

DLF: Dann schwappt das Wasser also ins Erdgeschoss?

HH: Ja – das kann wohl sein.

DLF: Ja ja und was machen Sie da? Räumen Sie alles ins erste Stockwerk?

HH: Manch einer hat schwere Sofamöbel aufgebockt. Aber sonst … das Wichtigste nehmen wir schon mit.

DLF: Haben Sie denn nicht daran gedacht, die Insel – ähm die Hallig zu verlassen.

HH: Ja, das geht ja nun gar nicht mehr.

DLF: Schon klar, aber vorher?

HH: Nee, das ist uns eigentlich gar nicht in den Sinn gekommen. Wir sind hier sowas gewöhnt.

DLF: Dann wünschen wir Ihnen viel Glück für die kommende, schlimme Nacht.

 

So ging es den ganzen Tag. Auf allen Deichen streiften todesmutige Journalisten herum und hielten ihre Kamera fest. Die Nachrichten bestanden nur noch aus Xaver und dem Wetterbericht, der nochmal alles zusammenfasste. Wer noch immer nichts mitbekommen hatte, durfte sich Sondersendungen anschauen.

 

Vor Jahrzehnten gab es in der Sesamstraße einen kleinen Film. Kermit, der Frosch, stand dick eingemummelt mit einem Mikrofon im Schnee. Er hatte einen Anruf bekommen. Seit Stunden stehe so ein Esel im Flockenwirbel und ließe sich einschneien. Viele Menschen hasteten an Kermit vorüber. Alle dick eingemummelt und sehr in Eile. Niemand hatte diesen Verrückten gesehen. Es war enttäuschend, aber natürlich auch spannend. Würde es gelingen, einen Trottel zu finden, der sich freiwillig einschneien ließ?

 

Zwischen all den Brennpunkten warteten die Medien auf erste Schreckens-Nachrichten. Schließlich war Xaver doch schon irgendwie da – oder nicht? Doch doch – der Wind blies. Doch viel war nicht geschehen. Die Bahn stellte den Verkehr ein. Ein Baum war auf einen Laster gefallen. Aber ohne Verletzte. Manch Keller war voll gelaufen. Die Sache entwickelte sich enttäuschend. Aber da war ja noch die Nacht. In selbiger auf Freitag sollte die höchste Flut erreicht werden.

 

Am nächsten Morgen rieb sich der animierte Konsument schlaftrunken und verwundert die Augen. Nelson Mandela ist tot. Was soll das? Der Sturm hieß doch Xaver. Was hat das mit Mandela zu tun? Das war doch dieser Gefangene. War der nicht neulich schon im Krankenhaus gestorben? Nun denn. Irgendwann nach Zähneputzen und sonstigen Verschönerungs-Arbeiten erfuhr der aufwachende Mensch, dass Xaver immer noch da sei. Doch Hamburg war noch über Wasser und nicht darunter. Keine Toten, kaum Verletzte. Im Westen beruhigte es sich schon wieder. Da ahnten die Redakteure, dass Xaver auch weiter im Osten, in Meckpom, nicht viel anrichten wird. Haben wir da zu viel Wind gemacht, fragten sich manche öffentlich am Mikrofon. Nein nein, weil wir so doll gewarnt haben, haben die Menshen aufgepasst. Das war prima von uns. Und zum Glück ist ja Nelson Mandela gestorben und wir können ein bisschen ablenken. Ist ja immerhin ein Friedens-Nobelpreis-Träger, der die Auszeichnung wahrlich verdient hat.

 

Kermit war da ehrlicher. Nach zahllosen Interviews war er bis zum Hals eingeschneit, konnte gar nicht so schnell schlottern wie er fror und machte einen erbärmlichen Eindruck. Da kam endlich der erlösende Gesprächspartner: Ja, ich kenne den Typen, der seit Stunden im Schnee steht. Du bist dieser Esel! Dem bibbernden Frosch blieb wegen dieser Blamage nur noch die Flucht in die Ohnmacht. So viel Anstand hatten unsere Medienmenschen nicht.

 

Natürlich hatte sich auch unser Lokalradio 91.2 an den Warnungen beteiligt. Dortmund ist ja berühmt für seine heftigen Naturereignisse. Tatsächlich hielt ein Gerüst in der Innenstadt nicht stand und eine Stange fiel zwischen zwei Glühweinstände. Gott sei Dank lag da gerade keine Schnapsleiche herum. Eine Lichterkette löste sich vom größten Weihnachtsbaum des Universums. Die Feuerwehr war gleich zur Stelle und fing sie wieder ein. Oh Glück, oh Wonne! Dortmund war noch einmal davon gekommen. Naja nicht ganz. Es gab doch ein kleines Gewitter gegen 19.00 Uhr. Wer da draußen war, wurde pitschnass!

 

Die Zeitung ist bei sowas wie Xaver ja klar im Nachteil. Kaum hat sie am Donnerstag die Stimmung aufgebaut, ist am Freitag schon wieder alles vorüber. Abendliche Sonderausgaben werden ja nicht mehr gedruckt. Umso besser kann die Zeitung natürlich einen Rückblick auf den Ausblick bringen. Schildern, wie aufregend es gestern war und wieviel Glück wir alle hatten.

 

Rückblicke sind mittlerweile sehr beliebt. Jeder fünfminütige Wetterbericht bringt einen solchen Rückblick. Sven Plöger und andere Entertainer erzählen uns, wie unser Wetter heute war. Natürlich nur für die, die es nicht mitbekommen haben. Und natürlich auch für die, die es vielleicht falsch mitbekommen haben. Wenn der WDR sagt, Xaver war gefährlich, dann war er das auch. Und ein letztes Mal blicke ich in die 80er Jahre zurück. Viele kennen die Erfolgs-Serie ALF. Damals war es ein Witz, wenn der Wetterbericht einen Rückblick auf die letzte Woche bringen sollte. Junge Menschen könnten da gar nicht mehr darüber lachen, weil das völlig normal ist.

 

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