Vom Masarati zum 2CV

In Bottrop steht ein Haus. Das Haus heißt Unfried. Im Haus Unfried wohnen viele Rollstuhl-Mechaniker. Ab und zu fahren die Mechaniker mit großen Autos los, um die etwas kleineren Rollstühle zu kranken Menschen zu bringen. Manchmal fahren sie auch nochmal hin, wenn die kranken Menschen tot sind. Dann holen sie die Rollstühle wieder ab. Denn wer sollte jetzt damit fahren?

 

Veranlasst wird die ganze Fahrerei meist von Krankenkassen. Das sind ja keine Kassen, in denen Kranke sind. Vielmehr müssen möglichst viele Gesunde drin sein, damit die Mitarbeiter sich schöne Glashäuser bauen können. Das machen sie mit dem Geld der Gesunden. Ansonsten passen sie darauf auf, möglichst wenig Geld an die Kranken zu bezahlen.

 

Manchmal schreibt ein blöder Arzt einen noch blöderen Brief an die Krankenkasse und sagt, dass sie einen Rollstuhl von Unfried bezahlen soll. Das gefällt der Kasse nicht, den Mechanikern sehr wohl. So geschah es bei Sibylle in diesem April.

 

Erstmal schickte die Knappschaft ihren TÜV ins Luisenglück. Die Knappschaft ist eine Kasse für gesunde Bergleute. Nun ist Sibylle keine gesunde Bergfrau. Aber immerhin eine Steigers-Tochter. Lang ist’s her und man sieht es kaum noch. Egal – sie darf bei den gesunden Bergleuten in der Knappschaft sein. Die schickte also ihren TÜV. Der stellte eine Menge Fragen, was aber gar nicht nötig war. Denn Sibylle hatte schon ein Gutachten von anderen Rollstuhl-Mechanikern erstellen lassen. Die wohnen in Vollmarstein mitten im Wald. Der TÜV war ganz glücklich. So musste er Sibylle nur noch ein bisschen vermessen. Mit Zollstock und Wasserwaage wurden wichtige Werte gesammelt. Wieder zu hause im Glashaus grübelte der TÜV wochenlang. Schließlich sollten endlich Massage-Bänke für die geplagten Mitarbeiter der Knappschaft angeschafft werden. Es durfte jetzt kein Geld ausgegeben werden. Da kam ihm der Zufall zur Hilfe. Ein kranker Rollstuhl-Nutzer war endlich tot. Dieser Tote fuhr, als er noch lebte, einen Masarati. Und genau den hatte der blöde Doktor mit seinem noch blöderen Brief bei der armen Krankenkasse bestellt.

 

So wurden die Mechaniker aus Bottrop beauftragt, den Masarati in den Harkortbogen zu schaffen. Das machten die glatt. Shließlich waren sie Freunde der Krankenkasse und kriegten auch etwas Geld dafür. So stand er dann dort in seiner chromblitzenden Pracht! Ein wahrhaft verschärftes Gerät! Doch verschmäht, weil Sibylle erstmal nach Buxdehude fahren musste. Wer fährt schon freiwillig ausgerechnet nach Buxdehude?

 

Egal, stolz wie Oskar fuhr Sibylle eine Woche später aus. Es sollte eine Fahrt werden wie sie Sissi im Prunkwagen nicht schöner haben konnte. Zofe war Christine aus Hannover. Doch die Fahrt endete im Fiasko. Kurzfristig in der Eisdiele außer Betrieb genommen, wollte der Masarati nicht mehr anspringen. Sissi wäre sowas mit ihren Pferden nie passiert. Aber dieses elektronische Wunderwerk, in dem ungefähr drei Kilometer Kabel verbaut sind, versagte den Dienst.

 

Es begann eine Odyssee, die wir gar nicht in allen Facetten schildern können. Beteiligt waren viele Angehörige der Knappschaft, die inzwischen ihre Massage-Liegen erhalten hatten. Auch die Mechaniker aus Bottrop fuhren immer wieder ins Luisenglück. Damit verdienen sie nämlich ihr Geld. Beim ersten Mal rüttelten sie am Masarati und sagten, nun sei alles gut. Beim zweiten Mal wechselten sie den Schalter aus, mit dem wir Masarati auf Schiebe-Betrieb umstellen können. Dann waren die Motoren fällig. Dazu musste das schwere Gerät natürlich nach Bottrop geschafft werden. Macht aber nichts, kriegen die Mechaniker hin. Beim vierten Versuch wurde es dann spacig. Die Elektronik war schuld. Es gab eine neue Platine. Reingesteckt, upgedated, upgegrated … und los! Denkste. Was bei Sibylles Unity-Fritzbox so großartig funktioniert, klappte hier nicht. Der Masarati wollte nicht mehr fahren.

 

Inzwischen waren Monate ins Land gegangen und die böse Sibylle hatte einen noch böseren Brief ins Glashaus geschickt. Das störte die Mitarbeiter der Knappschaft beim kundenfreundlichen Ausruhen auf ihren Massagebänken. Eine renitente Kundin – wo gibt’s denn sowas? Schließlich solltn demnächst selbstleuchtende Telefone angeschafft werden. Guter Rat war teuer. Verzweifelt riefen sie bei den Mechanikern in Bottrop an. Die hatten gerade einen 2CV auf Lager. Welch Glück noch vor dem Wochenende! Den 2CV sollten die Mechaniker nun ins Luisenglück bringen und den Masarati abholen. So könnten dann alle am Freitagmittag ins verdiente Wochenende gehen. Es geschah.

 

Und es geschah das Wunder! Gar nicht mehr prunkvoll fuhr Sibylle mit dem kleinen 2CV aus. Sie fuhr und fuhr und fuhr. Und das tolle war, dieser 2CV sprang nach dem Abschalten wieder an. Bisher jedenfalls. So nahm auch diese Geschichte ein gutes Ende.

 

Und die Moral von der Geschicht: Besser eine fahrende Ente als ein stehender Rennwagen.

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